Zwischenbilanz Willkommenskultur

Warnung vor Verpackungsschwindel

14.04.2014 | Weil es in Deutschland an Fachkräften mangelt, fordern Politik und Wirtschaft eine neue Willkommenskultur. Aber nicht alle meinen das Gleiche. Ein kluger Artikel im Extranet der IG Metall warnt vor Etikettenschwindel und hilft bei der Begriffsklärung. Da das Extranet nicht frei zugänglich ist, haben wir den Text zum Abschluss unsere "Spotlights" auf die 10. Migrationskonferenz der IG Metall in Sprockhövel hier nochmals aufgegriffen und eingestellt. Hinweisen möchten wir auch auf den Video zur Konferenz von Respekt TV (siehe Startseite/ganz unten):
 



Keine Willkommenskultur ohne Anerkennungskultur

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) definiert modellhaft drei Phasen im Zuwanderungsprozess. Der "Vorintegration" im Herkunftsland folgt die "Erstorientierung" in Deutschland und danach die "Etablierung in Deutschland. Nur in den ersten beiden Phasen findet ein "Willkommen" statt. Die "Willkommenskultur" richtet sich daher an "alle legalen Neuzuwandernden". In der dritten Phase hingegen spricht das BAMF von einer "Anerkennungskultur", die verstanden wird als "die Anerkennung aller in Deutschland lebenden Menschen mit Migrationshintergrund durch die Aufnahmegesellschaft, wobei die Wertschätzung der Potenziale im Mittelpunkt steht".

Verkürzt: Willkommen sein dürfen nicht nur gesuchte Fachkräfte
Die Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände (BDA) macht diesen Unterschied nicht. Seiner Definition zufolge kann eine "gelebte Willkommenskultur" dazu beitragen, die Eingliederung von Mitarbeitern in den Arbeitsprozess zu erleichtern, neue Märkte und Kundengruppen im In- und Ausland zu erschließen und das Image und das öffentliche Ansehen eines Unternehmens zu erhöhen. Wer willkommen sein soll, sagt der BDA explizit: "Die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft hängt entscheidend von gut qualifizierten Arbeitnehmern ab."

Gefahr: Migranten werden wieder zu "Gästen"
Die Fachstelle Diversity Management im bundesweiten Netzwerk "Integration durch Qualifizierung (IQ)" kritisiert die Beschränkungen. Der Vorwurf: Die Verkürzung der Willkommenskultur auf Neuzugewanderte schließt bereits in Deutschland lebende Migrantinnen und Migranten aus und birgt die Gefahr, die Trennung zwischen "Gastgeber" und "Gast" wiederzubeleben. Die Fachstelle fordert daher ein "nachträgliches Willkommen" für diese Menschen, eine Anerkennung ihrer Lebensleistung sowie mehr Rechte und Möglichkeiten auf gesellschaftliche Teilhabe.

Sinnvolle Unschärfe: Experten raten zu milieugerechter Deutung
Zudem wird die Konzentration auf hochqualifizierte Zielgruppen in Frage gestellt. Asylbewerber sowie Flüchtlinge, die aus humanitären Gründen Aufnahme in Deutschland finden, dürften nicht ausgeschlossen werden. "Willkommenskultur betrifft alle", betont die Fachstelle. "Sie steht für den Gedanken, dass Integration, egal ob gesellschaftlich oder arbeitsmarktbezogen, nicht nur eine Leistung der Migrantinnen und Migranten ist, sondern auch eine Aufgabe der gesamten Gesellschaft, mit all ihren bereits in Deutschland lebenden Menschen und ihren Institutionen." Der Migrationsforscher Friedrich Heckmann spricht angesichts dieser inflationären Begriffsvielfalt von einer "sinnvollen Unschärfe". Allerdings mache sie es möglich, die Willkommenskultur "in unterschiedlichen Kontexten milieugerecht produktiv anzuwenden: beim Bundesverband der deutschen Industrie wie im Fußballverein oder in einer Stadtverwaltung". "In diesem Sinne ist auch die IG Metall gefordert, ihr eigenes Verständnis einer Willkommenskultur zu entwickeln", sagt Petra Wlecklik vom Ressort Migration/Integration beim IG Metall Vorstand.

Auf der 10. Bundesmigrationskonferenz wurde damit begonnen, aufzuklären, zu sensibilisieren und öffentliche Initiativen anzustoßen. Ein willkommener Anlass auch für Sprockhövel sich weiterhin und nachhaltig – mit Blick auf die eigene Belegschaft bzw. unsere "Willkommenskultur" als Haus der IG Metall – mit diesem Thema zu befassen.

»Hier nochmals die Rede von Christiane Benner als pdf


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