100 Jahre Frauenwahlrecht (1)

"Bis heute kein Akt der Freiwilligkeit!"


19.01.2019 | Ihr eigenen Rechte mussten sich Frauen weitgehend selbst erkämpfen: dazu formierte sich bereits ab 1848 eine entschlossene Frauenbewegung, die aktive Mitstreiter*innen auch in der Arbeiterschaft fand.
  • Für ihr Engagement wurden die Frauen verspottet, belächelt und gehasst. Vom Staat wurden sie beschattet, verfolgt und eingesperrt.

  • Jahrzehnte kämpften Tausende von Frauen - in ganz Europa und weltweit. Denn sie wollten frei sein, mitbestimmen  und die gleichen Rechte wie Männer haben. Der Schlüssel hierfür war das Frauenwahlrecht.

  • Noch bis 1908 war selbst die bloße Anwesenheit von Frauen auf politischen Versammlungen gesetzlich verboten. Und auch noch bis kurz vor Ausrufung der Republik hatten die Frauen – in Parteien und unter den Männern – leider nur wenige Verbündete für ihre Forderungen. 

  • Erst am 19. Januar 1919 wurde - dank der Novemberrevolution - das alte preußische Dreiklassenwahlrecht in Deutschland abgeschafft.

  • Mit der Wahl zur ersten Nationalversammlung konnten endlich nicht nur alle Männer (unabhängig von Stand und Einkommen) sondern – erstmals – auch die Frauen von einem aktiven und passiven Wahlrecht als Staatsbürger*innen Gebrauch machen. 

"Frauen in die Parlamente!"
1919 lag die Wahlbeteiligung der Frauen bei satten 82 Prozent

"Getoppt" wurde diese hohe Wahlbeteiligung der Frauen übrigens in Deutschland nur ein einziges Mal: am 18. März 1990 als sich 90 Prozent (!) der ostdeutschen Frauen, an den letzten Wahlen zur Volkskammer beteiligten. Doch zurück ins Jahr 2019:

  • Die Durchsetzung des Frauenwahlrechts war ein riesiger Schritt für die Demokratisierung der Gesellschaft, ein wichtiger Teilsieg im Kampf gegen patriachale Ressentiments und damit ein enormer Modernisierungsschub für das Verhältnis der Geschlechter. 
Allerdings: mit 37 weiblichen Abgeordneten lag 1919 der Frauenanteil im Parlament bei mageren 9 Prozent. Daran etwas zu ändern, erwies sich in den folgenden hundert Jahren als zäh ind mühsam. 

"Frauen. Macht. Politik."
Die unvollendete Demokratie

Während in den 20er Jahren – auch im Vergleich zu heute – munter an einem aufgeklärten Menschenbild, neuen Lebensformen und vielen emanzipatorischen Fortschritten "gebastelt" wurde, folgten in den 30ern Faschismus und Krieg – auch für die Frauenbewegung ein vernichtender Einschnitt.

  • 1949 wurde die Gleichberechtigung in beiden deutschen Verfassungen als Grundrecht verankert. Doch Recht haben und bekommen sind zweiererlei.

  • Gerade die Möglichkeit der politischen Teilhabe sowie der Zugang zu Macht und Führungspositionen erwiesen sich dabei als die zentrale "Gretchenfragen"  - in beiden Staaten des geteilten Nachkriegsdeutschlands.

Ostdeutschen Frauen erlangten zwar einen "Gleichstellungsvorsprung" durch die staatlich gewollte Förderung weiblicher Erwerbsarbeit (auch in sogenannten Männerberufen), doch auch in der volkseigenen Wirtschaft sowie allen obersten Etagen des Partei- und Staatsapparates blieben die "Chefsessel" meist reine Männerdomaine (und partiachales Gebaren die Normalität): von den 130 Ministern in der DDR zwischen 1949 und 1989 waren gerade einmal vier weiblich.

Schlimmer noch die Bundesrepublik, wo sich Frauen - oft verhöhnt und verunglimpft – den Zugang zur qualifizierten Arbeitswelt erst erkämpfen mussten: 1958 fiel das Entscheidungsrecht des Ehemanns in Ehe- und Familienfragen. Und erst 1977 konnten Frauen ohne Zustimmung des Ehepartners einen Arbeitsvertrag abschließen. Die politische Öffentlichkeit und das Parlament eroberten sich die Frauen zwar konsequent – allerdings im Schneckentempo:

  • Im ersten Bundestag saßen 1949 ganze 28 Frauen (6,8 %),
    weniger also als schon 1919. Erstmals 1961 wurde eine Frau als Ministerin im Bundestag vereidigt. Und bis 1983 klebte der Frauenanteil im Parlament unterhalb der 10%-Marke.

  • 1972, also ausgerechnet nach der beginnenden Emanzipationswelle der 68er, sank die Frauenquote im Bundestag sogar – auf ein Tief von 5,8 Prozent.

  • Erst 1987 machte dann der Anteil der Frauen im Deutschen Bundestag - wohl hauptsächlich wegen dem guten Ergebnis für die Grünen – einen deutlichen Sprung auf 15,4 %.

  • Nur Dank gut organisierter Frauennetzwerke sowie der Quotenregelung bei Grünen, SPD und Linken stieg der Frauenanteil in den 90ern stetig an – bis Ende 2017 auf 37,3 Prozent

  • Beschämend: Aufgrund des geringen Frauenanteils – in den Fraktionen von CDU/CSU, FDP und AfD – sank der Frauenanteil (30,7 %) in der aktuellen Amtsperiode des Parlaments sogar wieder – immerhin um mehr als 6 Prozentpunkte.

Dazu Mona Küppers, amtierende Vorsitzende des Deutschen Frauenrates: "Der aktuelle Bundestag ist alt, weiß, männlich und christlich. Jedes halbwegs moderne Wirtschaftsunternehmen hätte mit einer solch mangelhaften "Diversity" ein echtes Problem." 

"Macht zu gleichen Teilen!"
Mit der Freiwilligkeit sind wir nicht weit gekommen

Damit Frauen und Männer endlich in ihrer Vielfalt und entsprechend ihre Bevölkerungsanteils in politischen Mandaten und Ämtern vertreten sind, fordern viele Frauenorganisationen politische Initative für ein neuey Paritätsgesetz. In einem lesenswerten Dossier und ihrer Erklärung zu 100 Jahren Frauenwahlrecht zeigen sich die über 60 Organisationen des Deutschen Frauenrates kämpferisch.

Ihr selbstbewusstes Credo im Wortlaut:

  • "Ohne Geschlechtergerechtigkeit bleibt die Demokratie unvollendet. Gleichberechtigung aller Geschlechter, soziale Gerechtigkeit, Gewaltfreiheit und Selbstbestimmung – das sind die Grundvoraussetzungen einer freiheitlichen Gesellschaft.

  • Sie müssen erstritten und sie müssen immer wieder beherzt verteidigt werden. Gerade auch heute. Denn antifeministische und frauenfeindliche Kräfte gewinnen im politischen und öffentlichen Raum an Einfluss.

  • Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, antidemokratisches und rechtsextremes Denken haben in der Mitte der Gesellschaft Fuß gefasst. Dagegen müssen wir aufstehen."

Schluss-Satz ihrer Erkläung:
"Frauenrechte und Demokratie sind unteilbar."

+++ Save The Date! Wixhtig für das Frauenwahlrecht war übrigens der erste Internationale Frauentag im März 1911 zu dem Frauen in ganz Europa mobilisierten. Die Idee dazu kam aus den USA, in denen die Frauenbewegung auch in diesen Tagen wieder unter der Parole "Frauen in die Parlamente" auf kreative Weise gegen den politischen Roll-back mobilisiert. In den USA wurde bereits 1908 ein Nationales Frauenkomitee gegründet, das beschloss, einen besonderen nationalen Kampftag für das Frauenstimmrecht zu initiieren.

Den Internationalen Frauentag 2019 feiern wir in Sprockhövel am 06. März 2019 (Einlass 18:30 h); gemeinsam mit der IG Metall Gevelsberg-Hattingen. Ihr seid eingeladen!

 


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