Besser Vorbeugen als Nachsehen

BR-Konferenz zu Arbeit, Gesundheit und Prävention


09.07.2018 | Zentrales Thema der 5. Konferenz für Sicherheitsfachkräfte, Betriebsrät*innen und Werksärzte in Sprockhövel war diesmal die Gesundheitsprävention im Betrieb. Die jährliche Konferenz - auch diesmal wieder ausgebucht und hochkarätig besetzt – wird von der IG Metall NRW in Kooperation mit dem Bildungszentrum Sprockhövel veranstaltet. Abwechslungsreich moderiert wurde die gute Mischung aus Impulsvorträgen, Talkrunden und Plenumsdebatte durch die Kollegin Kerstin Klein, IG Metall Köln-Leverkusen im Duo mit Stephan Klenzmann, Sprecher des IG Metall Arbeitskreises Arbeits-und Gesundheitsschutz in NRW. 

Prävention als starkes Instrument
für einen erfolgreichen Arbeits- und Gesundheitsschutz
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"Der Arbeits- und Gesundheitsschutz ist für mich und viele andere ein fester Teil der IG Metall–DNA!", so formulierte es Knut Giesler, IG Metall Bezirksleiter NRW in seiner persönlich Begrüßung. Denn: Wer Prävention in Sachen Arbeit und Gesundheit nicht ernst nimmt, hat das Nachsehen. Engagierte Betriebsräte und Vertrauensleute wissen, dies gilt in großen wie kleinen Dingen. Das Themenfeld hat deshalb traditionell ein hohes Gewicht als betriebspolitischer Hebel für gute Interessenvertretung und ist damit ein zentrales Handlungsfeld – auch in der IG Metall Bildungsarbeit.

Inhaltlich setze Kollege Giesler in seiner Rede den Schwerpunkt auf den durchgesetzten Tarifabschluss 2018. Bei der betrieblichen Umsetzung der erkämpften Arbeitszeitregelungen sieht er viele neue Möglichkeiten für Betriebsräte, Vertrauensleute und JAVIS um den Arbeits- und Gesundheitsschutz sowie zukunftsfähige Präventionskonzepte aktiv voranzubringen – insbesondere da, wo es um Schichtarbeit, Zeit für familiäre (Pflege-) Aufgaben oder die eigene Weiterbildung geht.

Besonders dringlich und gefragt: Stressbewältigung einerseits und gesunde Flexibilität andererseits. Dazu Gieslers klare Botschaft in Richtung Unternehmerverbände und Landesregierung: "Hände weg vom Arbeitszeitgesetz!“ 


Impressionen aus der Konferenz

Vorschau

Bilderstrecke: Impressionen aus der Konferenz – 20 Fotos

Arbeits- und Gesundheitsschutz –
Querschnittsaufgabe und "Chefsache"

Auch Dr. Edmund Heller, Staatssekretär im MAGS Nordrhein-Westfalen bewertet die betriebliche Prävention - und das gerade mit Blick auf die Digitalisierung der Arbeit in Zeiten von 4.0 – als mindestens gleichrangig mit dem klassischen Arbeitsschutz. Neu eingerichtet wurde im Ministerium dazu eigens ein Fachreferat. Aus seiner Sicht müssen Präventionskonzepte und Gefährdungsbeurteilung in den Unternehmen verstärkt „Chefsache“ sein. Nicht zuletzt die von ihm vorgetragenen Zahlen zu unfall-, krankheits- und stressbedingten Ausfalltagen belegen den dringenden Handlungsbedarf. Sein Appell: "Engagieren Sie sich. Bringen Sie sich ein. Gerade Betriebsräte können und sollten in Gesundheitsfragen wichtige Innovationstreiber sein. Entscheidend ist schließlich, was tatsächlich in den Betrieben passiert!"

Mit Sicherheit mehr Gewinn!
Können A & G-Maßnahmen wirtschaftlich sein?

Und wie lassen sie sich betriebswirtschaftlich rechnen? Mit dieser Frage befasste sich Prof. Dr. Ralf Pieper von der Bergischen Universität Wuppertal in seinem Vortrag. Das Arbeitsschutzgesetz redet hier Klartext:

"Die Verbesserung von Sicherheit, Arbeitshygiene und Gesundheitsschutz stellen Zielsetzungen dar, die keinen rein wirtschaftlichen Überlegungen untergeordnet werden dürfen." (Rahmenrichtlinie 89/391/EWG). Doch jenseits aller Bekundungen scheitern wirksamer Arbeitsschutz und kluge Präventionsideen immer wieder an dem Argument, dass dafür eben das Unternehmen kein Geld hat. Die provokante Nachfrage dazu von Pieper: "Warum investieren Unternehmen hier nicht vorausschauend und freiwilliger in die Gesundheit wertvoller Fachkräfte?" Entscheidend seien rechtliche Rahmenbedingungen, vor allem aber letztlich die Interessen, Macht- und Kräfteverhältnisse im Rahmen von funktionierender Mitbestimmung!

Gesunde Arbeit für alle -
das braucht gesunde Rahmenbedingungen


Warum das Themenfeld für betrieblicher Mitbestimmungsgremien künftig noch weiter an strategischer Bedeutung gewinnen dürfte, skizzierte Dr. Hans-Jürgen Urban, Mitglied des geschäftsführenden Vorstands der IG Metall. Er glaubt den Hochglanzprospekten natürlich nicht, in denen sich Start-Ups und Industrieunternehmen heutzutage gerne als eine einzige wohltuende Wellness-Oasen präsentieren.

Umfragen unter Beschäftigten zeigen, die Realität sieht meist anders aus:

  • Beschäftigte klagen vorrangig über Leistungsdruck und Terminstress. Lärm, Hetze und Informationsüberflutung. Nicht zu vergessen "Stressfaktor Nr. 1" – die Inkompetenz vieler Vorgesetzen. 
  • Bestehende Gesundheitsstandards und Sicherheitsbestimmungen werden nicht oder nur unzureichend umgesetzt, eingehalten und staatlicherseits zu wenig kontrolliert.

  • Gesundheitliche Präventionsangebote in den Unternehmen dienen häufig nur der kurzfristigen Imagepflege, bleiben häufig wirkungslos, haben unsichere Budgets und verfolgen überholte Konzepte.

Sehr entschieden stellt sich Hans-Jürgen Urban allen Ansätzen entgegen, die das Thema Gesundheit nur auf eine Frage von privater Eigeninitiative und persönlicher Lebensführung reduzieren wollen. "Sich gesund zu verhalten ist gut, gesundheitsförderliche Verhältnisse sind besser!", so sein Statement als erfahrener Gewerkschaftler..

In seinem Referat ging er anschließend pointiert auf zeitgemäße Perspektiven für eine gesundheitsförderliche Präventionspolitik in Zeiten der Digitalisierung sowie vier konkrete Aufgabenfelder für Metaller*innen ein (mehr dazu hier in einem gesonderten Artikel).

Hauptsache gesund!
Und immer eine gute Idee weiter ...

Dass es dazu vielversprechende Ansätze und Beteiligungsbereitschaft seitens der Belegschaften gibt, zeigten einige anschaulich Betriebsbeispiele und die vielschichtige Debatte dazu im Plenum. 

So zum Beispiel die kooperative Zusammenarbeit zwischen Betriebsräten, Vertrauensleuten, Arbeitsmedizinern und Unternehmensführung bei Ford: Eine durch Dr. med. Gerd Herold mitverantwortete arbeitsmedizinische Langzeitstudie (Prä-Ford) bewies das innerbetriebliche Präventionsangebote eine signifikant positive Wirkung auf die persönliche Gesundheit haben. Zugleich war die Studie ein guter Anstoß zur Weiterentwicklung eines recht ganzheitlich agierenden Gesundheitsmanagements. Die aktuelle Praxis und die Resonanz in der Belgschaft wurden durch den Leiter der Ford-Gesundheitsdienste Dr. med. Fuchs, den Ford-Betriebsrat Joachim Meinertzhagen und Helmer Anrath, den Leiter des Ford-Gesundheitsmanagements anschaulich vorgestellt. 

Das stimmige Konferenz-Fazit einer BR-Kollegin: "Wir verbringen rund ein Drittel unserer Wochenzeit mit Arbeit oder auf dem Weg dahin. Allein deshalb ist der Betrieb ein guter Ort für erfolgreiche Prävention."

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