Besuch aus der Keupstraße

"Kalte Solidarität reicht einfach nicht!"




03.06.2019 | So lautet am 23. Mai das eindringliche Plädoyer von Kutlu Yurtseven für mehr Gesprächsbereitschaft und Interesse aneinander im Einwanderungsland Deutschland. Zu Gast war der Musiker, Schauspieler, Sozialarbeiter und Aktivist am 23. Juli anlässlich einer weiteren Veranstaltung im Rahmen unserer Ausstellung "4074 Tage - Tatorte der NSU-Morde" mit Fotos von Gabriele Reckhard.

Seine eigenen Erfahrung und das Leben in der Kölner Keupstraße nach der Nagelbombe 2004 machen Kutlus Wunsch nach mehr "Begegnung auf Augenhöhe" mehr als verständlich. Gleichberechtigte Teilhabe - ob von Menschen ohne oder mit eigener Migrationsgeschichte - erfordert Begegnung und gelebte Solidarität sowie unser aller Bereitschaft zur Auseindersetzung - auch mit den strukturellen Ursachen von Rassismus und Diskriminierung.

Kleine aber feine Diskussionsrunden

Ähnlich fielen dazu die Statements von rund 30 Diskutant*innen in der Schlussrunde der Veranstaltung aus. Fazits der Beschäftigung mit dem sogenannten "NSU-Komplex" und den Folgen:

  • Es gilt gemeinsam besser hinzuschauen
  • Kritisch zu bleiben (auch sich selbst gegenüber)
  • Weiterhin unbequeme Fragen zu stellen
  • Da zu sein, wenn es drauf ankommt

  • Den Mund aufzumachen gegen Hass und Hetze
  • Den direkt Betroffenen ernsthaft zuzuhören
  • Sie dabei zu unterstützen, sich Gehör zu verschaffen

Den Abend eröffnete Hüseyin Ucar, Bildungsreferent in Sprockhövel, mit einer kurzen Vorstellung der Gäste. Fix platzierte man sich anschließend zu zwei alternierenden Gesprächsrunden, die einen guten Dialog und direkte Nachfragen erlaubten.

Eingeleitet wurde die eine Runde durch Gabriele Reckhard, die über ihre persönliche Motivation zu den Foto-Arbeiten sowie die teils sehr emotionalen Reaktionen auf die entstandene Ausstellung berichtete. An dem anderen Tisch bot sich Gelegenheit zum Austausch mit Peter Bach und Kutlu Yurtseven, beide von der Intiative:

"Die Keupstraße ist überall"

Die beiden sind mit den "Veedel" und den Ereignissen lange vertraut. So erzählten sie anschaulich über die Geschichte des Quartiers. Vom Niedergang des Kabelwerks F & G (ehemals 18.000 Beschäftigte), von  der Zeit nach dem Nagelbomben-Attentat und über das, was die Menschen der Keupstraße nach 2004 erlebten:

  • Ignoranz und Arroganz
  • Anfeindungen und Verdächtigungen
  • Geschürtes Misstrauen
  • Kriminalisierung der Opfer
  • Einseitige Ermittlungen durch die Behörden
  • Ohnmacht und Trauer

Der "NSU-Skandal" zeigte, auch im vorgeblich so tolerantem Köln, dass man auf dem rechten Auge nicht nur blind war, sondern es offensichtlich auch sein wollte. Eine große Rolle spielten dabei stigmatisierende Vorurteile und struktureller Rassismus bis weit hinein in staatliche Behörden. Dazu Kutlu Yurtseven: "Schaut mal in unser Buch rein: Von Mauerfall bis Nagelbombe, erschienen übrigens auch in türkischer Sprache."

Das Herzstück des Buches sind viele Berichte der Betroffenen aus der Keupstraße - über den Tag des Anschlags sowie die Jahre danach. Zugleich wird ein seit Jahrzehnten wiederkehrender Mechanismus beschrieben: Verstörenden Gewalttaten gegen Migrant*innen und Flüchtlinge folgte meist ein deutlicher Rechtsruck der Parteien. Gewaltbereite Nazis und Randalierer*innen duften sich so im Nachhinein mit ihrer Eskalationstaktik grade zu bestätigt fühlen. Ein Wunder, dass immer neue Provokationen und Übergriffe folgen?


Vorschau

Bilderstrecke: Bernd Röttgers/gfp – 20 Fotos

"Keine Blumen!" - und ein große Schweigen

Auch die Solidarität der Kölner Stadtgesellschaft blieb 2005 leider erst einmal aus - für lange sieben Jahre.

Dazu Peter Bach:"Nach dem Attentat auf die Keupstraße gab es keine Demo, keinerlei Beileidsbekundungen; ja nicht einmal die üblichen Soli-Rosen für die Opfer." Im Gegenteil: befeuert durch vorschnelle Vermutungen des Innenministers, Stellungnahmen der Polizei und eine abwertenden Medienberichterstattung (Stichwort: "Klein-Istanbul" und "Döner-Morde") galt in der Öffentlichkeit von Anfang an nur ein Generalverdacht: Die Täter müssen aus dem migrantisch geprägten Umfeld der Keupstraße selbst kommen!"

Für die Menschen der Keupstraße zündeten mindestens zwei Bomben:

  • Die erste Bombe explodierte am 9. Juni 2004 um 15.56 h: Ein Geschoss aus 702 Zimmermannsnägeln, jeder zehn Zentimeter lang und fünf Millimeter dick, das Dutzende schwer verletzte und dabei auch das gewachsene Zugehörigkeitsgefühl einer ganzen Straße und ihrer Menschen durchbohrte.

  • Die zweite Bombe folgte sofort hinterher: Opfer wurden zu Tätern gemacht - und reagierten mit tiefer Sprachlosigkeit. Dazu Kutlu: "Früh geäußerte Beobachtungen, die einen rassistischen Hintergrund vermuten ließen, wurden totgeschwiegen und abgewiegelt. Menschliche Anteilnahme blieb aus. Doch das Schlimmste: Auch wir, die Menschen in der Keupstraße, redeten nicht mehr miteinander - allerdings aus Angst." 

Angst vor der Polizei, Verdächtigungen, neuen Demütigung. 

Birlikte - zusammen reden, zusammen 
leben, zusammenstehen?

Schockiert und beschämt zeigte sich die Kölner Stadtgesellschaft erst wieder als der NSU-Komplex 2011 endlich aufflog und sich der NSU auch zum Nagelbomben-Attentat bekannte.

Mit dem Stück "Die Lücke" brachen damals auch die Menschen aus der Keupstraße - zusammen mit engagierten Kölner Künstler*innen - ihr Schweigen. 2014 feierten über 500 Künstler*innen und 70.000 Besucher*innen unter dem Motto "Birlikte!  das heißt  Zusammen leben. Zusammen reden. Zusammenstehen." gemeinsam mit den Anwohnern und Geschäftsleuten der Keupstraße ein riesiges Fest als Zeichen gegen rechte Gewalt.

Lange hielt diese breite und bunte Allianz leider nicht. Doch immerhin, die Keupstraße erholte sich langsam und gemeinsam reiste man - bis zur Urteilsverkündung - immer wieder zu dem beschämenden NSU-Prozess nach München.

  • Die "dritte Bombe" droht der Keupstraße nun durch die fortschreitende Gentrifizierung des Stadtteils und ambitionierte Baumaßnahmen. Auch Siemens plant übrigens den Umzug seiner Verwaltung in die derzeit von Investoren neu errichteten Büro-Komplexe.

  • Parallel gibt es leider einen recht unwürdigen Streit um den richtigen Standort für ein Denkmal zur Erinnerung an das Geschehen. Eine Streit, der offensichtlich einmal mehr über die Köpfe der Menschen hinweg ausgetragen und entschieden wird?

Birlikte! Auch hier heißt es: Hinschauen und sich selbst ein Bild machen - vielleicht bei einem gemeinsamen Ausflug in die Keupstraße am diesjährigen Pfingstsonntag.
 Jedenfalls sind wir dazu - am 9. Juni ab 13.00 Uhr - alle recht herzlich eingeladen. Hier weitere Infos zum Programm.

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