Danke an die Grenzgänger

Das war unser Tag der Offenen Tür 2018 - mit wilden Liedern


11.09.2018 | Den Surferspruch und das poppige Marx-Motiv auf der Einladungskarte kommentierte das Schulleitungsteam zu Beginn des Abends mit einem Augenzwinkern: "Man kann die Welle zwar reiten und immer neu anschneiden, aber derzeit wünschte man sich schon, die ein oder andere politische Welle auch einfach mal zu stoppen!", so Fritz Janitz zur Begrüßung der Gäste beim diesjährigen Tag der offenen Tür im Bildungszentrum Sprockhövel.

Keinesfalls zur Ikone machen will man den alten Marx
Doch "in Respekt zur unentbehrlichen Bedeutung seiner Beiträge für das Entstehen einer selbstbewussten und politisch aktionsfähigen Arbeiter*innenbewegung" sowie anlässlich seines 200. Geburtstages in diesem Jahr entschied man sich gerne für das Musikprogramm der Grenzgänger unter dem Titel 
 Die wilden Lieder des jungen Marx.

Dazu für das Schulleitungsteam Brigitte Kurzer
: "Wenn man der Versuchung widersteht, die Beiträge von Karl Marx nicht als allumfassende Welterklärung zu nehmen, liefern sie auch heute noch wichtige Kriterien zur Beurteilung von Konfliktfragen zwischen Kapital und Arbeit und zur Begründung notwendiger Solidarität." Erinnert sein sollte - und dies ganz bewusst - auch "der Flüchtling Karl Marx, der als unbequemer Denker, aus Deutschland nach Frankreich, Belgien und England emigrieren musste." 


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Bilderstrecke: Foto-Impressionen (Quelle Thomas Range/gfp) – 32 Fotos

Nach einem kurzen Ritt durch historische und aktuelle politische Fragen sowie einem Dankeschön an alle Gäste für ihr Kommen wurde die Bühne den Musiker*innen freigegeben.

"Man muss diese versteinerten Verhältnisse dadurch zum Tanzen zwingen, dass man ihnen ihre Melodie vorsingt."
Genau das tuen die Grenzgänger mit ihrer Musik: Diesmal indem sie die Verse des jungen Marx ausgruben und zu einem musikalisch facettenreichen Programm vertonten. Erstaunlich: Nicht etwa mit einem politischen Text, sondern mit einem Gedicht wurde Marx erstmals publiziert und öffentlich bekannt. Nur runde zehn Jahre liegen zwischen dem 18-jährigen romantischen Marx, der in Bonn eigene Liebesgedichte für seine Jenny schreibt und dem im deutschen Vormärz 1847/48 erschienen Kommunistischen Manifest (Ein Gespenst geht um in Europa ...).

"Damit kein Missverständnis aufkommt, nur die Texte sind von Marx, die Musik ist von uns!"
Mit dieser Klärung führte Gitarrist und Sänger Michael Zachcial lachend in das runde Programm ein. 
Die Aufgabe, der sich die Grenzgänger seit langem verschrieben haben: "Wir schauen, was uns alte Arbeiter- und Volkslieder über das Gestern erzählen und gucken, was sie über das Heute und Morgen verraten." Musikalisch begleitet von Annette Rettich am Violoncello, Felix Kroll am Akkordeon und Frederic Drobnjak an der akustischen Gitarre präsentierten die vier Grenzgänger den jungen Marx von einer recht ungewohnten Seite - als romantischen Gedichteschreiber und Liedermacher.

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Bilderstrecke: »Die Grenzgänger« (Bilder: Thomas Range/gfp) – 10 Fotos

Mit einem runden Spannungsbogen aus Musik, Gesang und kurzweiligen Erzählung wurden die Marx´schen Texte und seine Jugendzeit für das Publikum lebendig:

"Wenn Perlen wir pflücken und das Dunkel erhellen ..."

  • Als pures »Gift« (engl. Geschenk) beschwor Marx nicht nur seine Jenny sondern Himmel und Liebe an sich: "Honig prangt an Deinen Händen und ich küsst ihn rasch hinweg. Mir die Seele zu entwenden waren viel Dämonen reg'."

  • Im "Lied der Gnomen" wird der Blasebalg des Akkordeons zum stampfenden Maschinengeräusch - besungen wird die Sehnsucht und Wut der jungen Arbeiterschaft in der 1. industriellen Revolution. Dabei deutlich mitschwingend, wohl auch Karls eigene Sehnsüchte nach "bunteren Tagen".

  • Mit musikalischer Leichtigkeit unterlegt, die schwere, jedoch berechtigte Publikumsbeschimpfung des trägen Bürgertums: "In seinem Sessel behaglich und dumm, da sitzt schweigend das deutsche Publikum ...". Ein Marx-Poem, an dem sich auch Tucholsky, literarisch mit einer eigenen Version bediente.

"Zu kalt war ihr das Leben. Zu arm das Erdenland. "

  • Feinfühlig die Marxsche Verarbeitung eines Schlaganfalls in "Die Zerrissene": Eine sensibele Beobachtung seelischer Ursachen "Vergebens sucht sie zu kämpfen, zu stillen den tiefen Schmerz. Die Riesengewalten zu dämpfen, es sprang das volle Herz ...". Die Krankheit als Kampf, Siechtum, Abschied: "Sie lag einst wieder versunken, im Bette ohne Rast. Schien schon im Nichts ertrunken, vom Schlage tief erfasst ... So hallt nun diese Seele aus ... Zu kalt war Ihr das Leben, zu arm das Erdenland!".

  • Spannend und dynamisch: Der Kampf zwischen "Männerl & Trommel": "Sonst tanze, wenn ich schlag - und schlage, wenn ich sing. Sollst weinen, wenn ich lach´- und lachen, wenn ich spring!"

  • Laut Zachcial Marx "Bestes" – das Weltgericht: Eine Abrechnung mit dem Paradies und die Weigerung, selbst in den Himmel gehoben zu werden: "Seht das alles träumt mir heute vor dem letzten Reichsgericht ..."

"Darum zürnt nicht, gute Leute; denn der Träumer sündigt nicht!"

Schön, neben dem analytischen Marx auch einmal einen feinfühligen und liebenden, lebensdurstigen und fröhlichen, religionskritischen aber durchaus spirituellen Menschen kennengelernt zu haben. Dafür gab es sehr viel Applaus – und schließlich die Zugabe: Die Ode an die Freude war ein armutigender Gruß an (unser) Europa – und zugleich der Lockruf ans tolle Büffet. Es folgte ein diskussionsreicher und geselliger Abend.

  • Dankeschön den Grenzgängern und der Grenzgängerin für einen inspirierenden Abend!

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Bilderstrecke: Weitere Eindrücke vom Tag der offenen Tür (Quelle: Thomas Range/gfp) – 18 Fotos

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