Evaluations-Workshop in Vietnam

Gezielte internationale Zusammenarbeit – sinnvoll und wirksam!

08.10.2017 | Das gilt auch für unsere Zusammenarbeit mit Vietnam! Seit 2008 führen der Allgemeine Bund der Werktätigen Vietnams (ABW), die Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) und die IG Metall ein gemeinsames Projekt durch. Petra Wolfram aus dem BIZ Sprockhövel war aktiv dabei – und reiste deshalb auch zu einem aktuellen Evaluationsworkshop nach Dalat um sich an einer Zwischenbilanz zu beteiligen – hier Ihr Bericht:

Drei Partner – ein klares Ziel und viele gemeinsame Erfahrungen
Ziel der Zusammenarbeit ist es, das Thema Tarifpolitik in der Arbeit des ABW in Vietnam tiefer zu verankern und dabei die tarifpolitischen Erfahrungen und Ansätze der IG Metall zur (Weiter-)Entwicklung der vietnamesischen Gewerkschaftsarbeit als Anregung zu nutzen. Und: einen direkten Erfahrungsaustausch sowie die persönliche Vernetzung zwischen gewerkschaftlich Aktiven hierzulande und in Vietnam zu forcieren.

Das Büro der FES in Hanoi, ermöglichte Kontakte, sorgte für Struktur, Qualität und Nachhaltigkeit. Das IG Metall Bildungszentrum Sprockhövel unterstützte dieses Vorhaben mit personellen und räumlichen Möglichkeiten. Gemeinsam entwickelten die drei Kooperationspartner einen Ausbildungsgang für vietnamesische hauptamtliche Gewerkschaftssekretäre/innen, um diese zu Tarifexperten/-innen auszubilden. Inhaltlich ging es um den Erwerb von tarifpolitischen Kenntnissen und Kompetenzen, die für die Basisarbeit und die Tarifarbeit der Betriebs- bzw. Regionsgewerkschaften nützlich sind.

Inzwischen wurde ein solcher Ausbildungsgang bereits dreimal durchgeführt. Anfangs bestand jede Reihe aus 7 – später aus 4 je einwöchigen Modulen. Aktuell findet ein vierter Ausbildungsgang statt – diesmal jedoch in Eigenregie vom ABW veranstaltet.

Keine Frage! Das Projekt und der Austausch hat sich gelohnt!
Vom 28.-30. Oktober 2017 fand nun ein gemeinsamer Evaluations – Workshop statt. Ausgewählte Tarifexpert*innen und Trainer trafen sich mit ABW, FES und IG Metall in Dalat in Zentralvietnam, um die bisherige Zusammenarbeit und die konkreten Ergebnisse dieses Arbeitsvorhabens zu bewerten und Weiterentwicklungsbedarfe gemeinsam zu beraten.

Bei den Präsentationen und Erfahrungsberichten der vietnamesischen Kollegen/-innen wurde sichtbar: die konkreten Ergebnisse können sich sehen lassen! Die konkrete Bilanz:

  • Insgesamt 98 Tarifexperten und Tarifexpertinnen wurden ausgebildet oder sind in der Ausbildung. 92 von ihnen sind bis heute zu diesem Thema unterwegs – als Trainer/innen bei Tagesschulungen, als Betriebsberater*innen für Tariffragen und bei der Qualifizierung anderer Hauptamtlicher in der eigenen Gewerkschaftsorganisation. Die Übrigen haben inzwischen andere Funktionen. 

  • Die ausgebildeten Tarifexperten*innen veranstalteten insgesamt 283 Basistrainings für Betriebsgewerkschafter*innen in Vietnam, 13.000 betriebliche Kollegen/innen wurden so - zumeist in kmpakten Tagesveranstaltungen - ausgebildet. Weitere 45 Seminare wurden für die Provinzgewerkschaftsebene und damit für weitere 2.650 Teilnehmende durchgeführt.

  • Neben dieser Seminartätigkeit begleiteten die ausgebildeten Tarifexperten/innen 240 Tarifvertragsverhandlungen bei denen es um bessere Arbeits- und Lebensbedingungen von etwa 160.000 Kolleginnen und Kollegen ging.

Strukturen schaffen und nachhaltig stärken!
Darüber hinaus hat sich seither noch mehr entwickelt: inzwischen gibt es eine – wenn auch noch kleine - Tarifabteilung beim AWB und eine Tarifdatenbank, in der bislang 70 % der abgeschlossenen Tarifverträge dokumentiert sind und qualitativ bewertet werden. Entwickelt wurde zudem ein zentrales Seminarkonzept mit geeigneten Materialien für die Basistrainings zur Unterstützung der Schulungspraxis ausgebildeter Tarifexperten*innen in Vietnam. Und: die feste Etablierung eines Trainernetzwerkes zur Beratung und Weiterbildung wird geprüft.

Was noch besser werden kann!
Bei dem gemeinsamen Evaluationsworkshop wurde aber auch eines klar: es gibt noch sehr viel zu tun und weiterzuentwickeln. So könnte die Tarifdatenbank noch besser und genauer archivieren, die Qualität der ausgehandelten Tarifverträge kann gesteigert werden, indem zentrale tarifpolitische Forderungen, wie z.B. Lohnhöhe, Arbeits- und Gesundheitsschutz, Prämienvereinbarungen, deutlicher priorisiert werden. Und: alle anwesenden Tarifexperten*innen wünschten sich mehr Zeit und finanzielle Kapazitäten für ihre Tarifarbeit, zusätzliche Orte und Möglichkeiten für den Informations- und Erfahrungsaustausch sowie zukünftige Weiterbildungsangebote, um die Quantität und Qualität ihrer Gewerkschaftspraxis zu verbessern. Und: langfristig vielleicht eine eigene Karriereperspektive als Tarifsekretär/in.

Mein Zwischenfazit: Die Bilanz dieses Evaluationstreffens ist positiv – wenn auch deutlich wurde, dass es noch viele Anstrengungen und sicher einen langen Atem braucht, um das Thema Tarifpolitik organisatorisch im ABW gut zu verankern. Dabei setzt das politische System in Vietnam mit seinem kommunistischen Einparteiensystem natürlich noch ein enges Korsett. Die Novellierung des Arbeitsgesetzes für Vietnam steht allerdings im Jahr 2018 an. Vielleicht ist dies eine Chance, um sowohl die rechtliche Stellung der Gewerkschaften in den Industriezonen und Regionen als auch das Engagement und die selbstbewusste Einflussnahme aktiver Betriebsgewerkschafter*innen zu stärken. 

Die Teilnehmenden des Evaluationsworkshops formulierten ihre Empfehlungen an die Delegierten des Gewerkschaftskongresses des Allgemeinen Bundes der Werktätigen, der im Oktober 2018 stattfinden wird. Wir sind gespannt und bleiben dran...


Von Petra Wolfram


Vorschau

Bilderstrecke: Eindrücke aus dem Evaluations-Workshop (alle Bilder: Petra Wolfram)

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