Vor 40 Jahren: Militärputsch in Chile

Eine politische Rückschau

14.10.2013 | Mit Blick auf den Jahrestag am 11.09.2013 zum Putsch in Chile leider etwas verspätet, veröffentlichen wir hiermit dazu einen Artikel des Kollegen Otto König. Er berichtet nicht nur anschaulich, was damals passierte, sondern auch über die viele spontane Solidarität, die damals im Bildungszentrum Sprockhövel und IG Metall  organisiert wurde. Mit Blick auf Kriegsflüchtlinge nicht nur aus Syrien, sinkende Boote vor Lampedusa und die zynische Haltung des deutschen Innenministers dazu, hier ein wichtiger Blick zurück – aber vielleicht auch nach vorn: 
 
„El pueblo unido...“ Ein vereinigtes Volk kann man nicht schlagen
Der 11. September 1973 hat auch in Deutschland viele Menschen politisch geprägt. An diesem Tag putschten in Chile die Streitkräfte unter Führung des Generals Augusto Pinochet mit Hilfe der US-Administration gegen die demokratisch gewählte Regierung Salvador Allen-des. »Die heftige Sauerstoffzufuhr der Freiheit ließ alte Gespenster aufleben, die Prätoria-nergarde wurde gerufen, um die Ordnung wieder herzustellen. Ihr Säuberungsplan (war) ein Vernichtungsplan« (Eduardo Galeano). Die Parteien der Volkseinheit waren auf diesen brutalen Staatsstreich in keiner Weise vorbereitet.

Drei Jahre zuvor war der Sozialist Salvador Allende mit Unterstützung des Linksbündnisses Unidad Popular (Einheit des Volkes) ins Präsidentenamt gewählt worden. Zahlreiche Refor-men zugunsten der armen und arbeitenden Bevölkerung wurden in Angriff genommen: eine breit angelegte Kampagne gegen Analphabetismus, die Öffnung des Zugangs zum Gesund-heitssystem für arme Menschen und eine kostenlose Versorgung von Kinder und Jugend-lichen mit Milch und Essen in den »Poblaciones« der Städte. Diese staatlichen Maßnahmen im sozialen Bereich wurden durch ökonomische Umgestaltungsprozesse flankiert wie die Verstaatlichung der Bodenschätze (zu 80% in US- amerikanischer Hand), Enteignung der Banken und eine Agrarreform (4,2% der Grundeigentümer verfügten über 80% des Grund-besitzes).

Am Morgen des 11. September brach der Stahlarbeiter Juan Urrutia wie jeden Tag zur Arbeit im Stahlwerk Huachipato in San Vicente auf. »Weder unsere Mutter noch wir Kinder konnten erahnen, was in den folgenden Stunden geschehen würde und dass er erst nach Monaten wieder nach Hause kommen würde«. So die Tochter Angélica Urrutia Garrido, die seit 33 Jahren in der Ruhrstadt Hattingen lebt. Während das Militär den Stadtteil »Las Hiqueras« in Talcahuano, in dem sie wohnten, hermetisch abriegelte, trieben zur gleichen Zeit schwer bewaffnete Soldaten 7.000 Stahlarbeiter auf dem Werksgelände zusammen. Juan Urrutia wurde verhaftet. Sein Verbrechen: Er war Vorsitzender der Gewerkschaft »Central Unitaria de Trabajadores de Chile« (CUT) im Stahlwerk und Leiter des Bürger-komitee für die Verteilung von Lebensmittel in seinem Stadtbezirk.

Zur gleichen Zeit plärrte es in diesem Arbeiterviertel aus Lautsprechern im Befehlston: »Es herrscht Ausnahmezustand und Ausgangssperre. « Um die Mittagszeit übertrug das Fernse-hen die hasserfüllte Ansprache des Putschisten Pinochet. Er beschimpfte Demokraten, Gewerkschafter, Sozialisten und Kommunisten als Terroristen und brüllte: »Wir werden sie wie Ratten vernichten oder aus dem Land verjagen«. Erst spät am Abend erfuhr die Familie des Gewerkschafters, was sich im Stahlwerk zugetragen hatte, aber nicht, dass er wie 1.000 weitere politisch Gefangene der Region im Konzentrationslager auf der Insel Quiriquina in der Bucht von Conception eingesperrt worden war. Die Eingekerkerten mussten in den folgenden Wochen und Monaten unter täglicher Demütigung, Erniedrigung und körperlicher Folter leiden.

Der Autor hat noch immer die erschütternden Bilder vor Augen, die am Abend des 11. Sep-tember in der Tagesschau zu sehen waren: Kampfflugzeuge der Luftwaffe schossen im Tiefflug über den Amtssitz des Präsidenten in der Hauptstadt Santiago de Chile hinweg. Über dem Gebäude standen Rauchsäulen. Panzer rollten auf den Amtssitz zu. Salvador Allende überlebte die Erstürmung des Präsidentenpalastes Moneda nicht. Die letzten Worte über Radio an sein Volk lauteten: »Sie haben die Gewalt, sie können uns unterjochen, aber die sozialen Prozesse kann man weder durch Verbrechen noch durch Gewalt aufhalten. Die Geschichte ist unser, sie wird von den Völkern geschrieben«.

Der Militärputsch leitete eine faschistische Epoche in diesem lateinamerikanischen Land ein. Gewerkschaften wurden verboten, politische Aktivitäten unterdrückt und verfolgt. Tausende Demokraten und Gewerkschafter – Mitglieder der »Unidad Popular« – wurden physisch liquidiert bzw. außer Landes getrieben. Eine Million Chilenen mussten weltweit im Exil leben. Auch der Gewerkschafter Urrutia. Er wurde nach seiner Entlassung aus dem Konzentrationslager arbeitslos. Immer wieder durchsuchten Soldaten die Wohnung nach politischen Schriften, drangsalierten ihn und seine Familie. Politische Weggefährten, Freunde und Nachbarn verschwanden spurlos. Er lebte mit der ständigen Angst, wieder verhaftet und verschleppt zu werden. Mit der »Junta-Verordnung Nr.24« konnte jeder ohne Haftbefehl festgenommen und auf unbegrenzte Zeit festgehalten werden.

Die Militärjunta zwang Chile und seinen Menschen eine »Grabesruhe« auf. Zynisch kom-mentierte der damalige bayerische Ministerpräsident Franz-Josef Strauß die Verstöße gegen die Menschenrechte im Bayernkurier: »Angesichts des Chaos, das in Chile geherrscht hat, erhält das Wort Ordnung für die Chilenen plötzlich wieder einen süßen Klang. « Und CDU-Generalsekretär Bruno Heck meinte nach Rückkehr aus Chile in menschenverachtendem Ton: »Das Leben im Stadion ist bei sonnigem Wetter recht angenehm. « Tatsächlich wurden im Nationalstadion der Hauptstadt Santiago de Chile Hunderte Linksaktivisten zusammen-trieben, geschlagen und wie der populäre Volkssänger Victor Jara ermordet.

Der Putsch von 1973 beendete drei Jahre sozialistischen Aufbruch. Mit Unterstützung der »Chicago Boys«, Schüler des marktradikalen Ökonomen Milton Friedmann, die Pinochet ins Land holte, wurde ein wirtschaftspolitischer Crash-Kurs hin zum »radikalen Neoliberalismus« eingeleitet. In dem Land zwischen der Pazifikküste und den Anden wurde mit neoliberalen Konzepten experimentiert, die später von der Weltbank und dem Internationalen Währungs-fonds (IWF) verschuldeten Staaten aufgedrückt wurden. Nur zehn Tage nach der Errichtung der faschistischen Diktatur erschien in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung eine Anzeige mit dem Titel »Chile: Jetzt investieren! «

Die Sympathien vieler Deutscher – in der BRD und der DDR – lagen auf Seiten Allendes. Seine Politik, den demokratischen Sozialismus auf parlamentarischen Weg einzuführen, fand unter der westdeutschen Linke große Akzeptanz. Aber nicht nur in den beiden deutschen Staaten, sondern in allen europäischen Ländern war in diesen Jahren die Aufmerksamkeit für die Entwicklungen in Lateinamerika sehr groß. So entwickelte sich nach dem Putsch weltweit eine breite »Internationale Solidarität für das chilenische Volk«. Demokraten, Mit-glieder der Arbeiterjugendverbände, studentische Aktivisten, Gewerkschafter – sie alle be-schränkten sich nicht auf die Verabschiedung von Solidaritätserklärungen, sondern leisteten tatkräftige Unterstützung.

Ein Beispiel für die vielen hundert bundesweiten »Chile-Solidaritäts-Aktionen« waren die Aktivitäten der Beschäftigten des IG Metall-Bildungszentrums im westfälischen Sprockhövel. Bei Konzerten der chilenischen Gruppen »Inti-Illimani« und »Quilapayùn« in der gewerk-schaftlichen Bildungsstätte und durch Spendensammlungen in Seminaren kamen über 50.000 DM zusammen. Sie wurden in Abstimmung mit Amnesty International (AI) für die juristische Unterstützung inhaftierter politischer Gefangener und die Übernahme von Flug-kosten bedrohter Gewerkschafter aus Chile nach Deutschland verwandt. »Im Regelfall lief das so: AI teilte uns mit, wer besonders bedroht war und dringend das Land verlassen musste. Wir besorgten eine Zusage für eine Arbeitsstelle und die Flugkarte. Bei Vorlage beider Unterlagen erklärte die Botschaft in Santiago gegenüber dem Militärregime die Bereitschaft der BRD, den Verfolgten aufzunehmen. «

Auf diesem Weg kam auch der chilenische Stahlarbeiter Juan Urrutia 1975 ins Ruhrgebiet. Durch Vermittlung des Düsseldorfer IG Metall-Stahlbüros fand er auf der Thyssen Henrichs-hütte in Hattingen einen Arbeitsplatz. Ein Jahr später rief er den Teilnehmern im Bildungs-zentrum zu: »Diese Veranstaltung zeigt, was Solidarität möglich macht. Und diese Solidarität hat das chilenische Volk bitter notwendig! «
17 Jahre waren die Demokraten in Chile massivsten Menschenrechtsverletzungen ausge-setzt. Erst mit den Präsidentschaftswahlen im Dezember 1989 endete die Militärdiktatur von General Augusto Pinochet. Der Gewerkschafter Juan Urrutia kehrte nach 18 Jahren in der Emigration in sein Heimatland zurück, wo er Ende April 2013 in Perquenco im Süden Chiles verstarb.

Als der Autor Mitte November 2006 zum ersten Mal mit seiner Frau Angélica Urrutia Garrido in der Hauptstadt Chiles vor dem Denkmal Salvador Allendes gegenüber dem frisch renovierten Präsidentenpalast »Moneda« stand, erinnerten sie sich gemeinsam an die Parole des Widerstands: »El pueblo unido – jamás será vencido! Das vereinte Volk ist unbesiegbar! « Sie ist auch heute – nach 40 Jahren – noch aktuell.

Otto König
Ehemaliger 1. Bevollmächtigter der IG Metall Verwaltungsstelle Gevelsberg-Hattingen


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