Faires Entgelt für Frauen

"Mehr als bloße Dazu-Verdienerinnen"

03.04.2013 | Christoph Paul, Betriebsrat bei ArcelorMittal, Tarifexperte aus Bremen sowie aktiver Vater und Anja Mandzik, Betriebswirtin, Vertrauensfrau bei den Deutschen Edelstahlwerken (DEW GmbH) sowie Vorsitzende im Ortsfrauenausschuss Witten sprechen im Interview über ihre Seminarteilnahme.
 

Christoph Paul und Anja Mandzik

Redaktion: Hallo Anja, was treibt Dich als erfahrene Kollegin und vollbeschäftigte Betriebswirtin in dieses spezielle Seminar zum Thema „Faires Entgelt“?

Anja Mandzik: Ehrlich gesagt, die Wut! Ich bin bekannt, als die Vertrauensfrau, die unbequeme Fragen stellt. Eine davon ist die nach der Stellung und dem Entgelt von Frauen in Betrieb und Gewerkschaft. Denn Frauen wollen heutzutage fair bezahlt werden und voll arbeiten. Sie sind keine bloßen „Dazu-Verdienerinnen“ mehr. Das ist in der Stahlindustrie leider noch nicht wirklich durchgedrungen.

Redaktion: Hat sich denn nicht viel zum Besseren geändert?

Anja Mandzik: Junge Frauen bewerben sich heutzutage mit der besseren Ausbildung und besseren Noten als die Jungs. Und sie sind sehr viel zielorientierter. Deshalb schneiden sie bei den Bewerbungstests der Assessment-Center auch oft besser ab und haben gute Chancen auf qualifizierte Ausbildungsplätze. Gerade im Angestelltenbereich. Und nicht nur in Verwaltungsberufen sondern auch in der Produktion selbst – als Mechatronikerin, Schlosserin, Anlagenelektronikerin und Verfahrensmechanikerin.

Redaktion: Na das hört sich doch gut an?

Anja Mandzik: Ja! Vor 35 Jahren habe ich mich selbst als Industriekauffrau beworben. Man(n) hat mich damals aber „nur“ für die Ausbildung zur geringer qualifizierten Bürokauffrau genommen. Die schlichte Begründung lautete: „Frauen gehen ja eh, spätestens wenn sie schwanger sind. Da reicht das doch!“ Von damals 35 Azubis sind heute übrigens noch drei im Betrieb – alle drei sind Frauen! Und alle haben sich im Lauf der Jahre systematisch beruflich weiterqualifiziert.

Nicht so einfach in einer nach wie vor – bis hin zu den Vorständen – sehr männerdominierten Branche. Ich glaube, in allen börsennotierten Stahlunternehmen ist derzeit nur ein einziger Vorstandsposten von einer Frau besetzt. Quotierung ist für diese Unternehmen leider trotzdem kein Thema!

Redaktion: Frau kann und muss sich also selbst durchkämpfen?

Anja Mandzik: Keine Frage! Aber gerade das ist es, was mich so ärgert. Es sollte einfach im Interesse der Unternehmen liegen betriebsinterne Strukturen zu schaffen, die es Frauen einfacher machen. Hier bleibt ein gut ausgebildetes und hoch motiviertes Potential auf der Strecke. Das können sich zeitgemäße Unternehmen schon mit Blick auf demographischen Wandel und potenziellen Fachkräftemangel  nicht mehr erlauben. Stattdessen hängen die Frauen mit Blick auf  die tarifliche Entgelt-Tabelle und Beförderungen mehrheitlich in den Tarifgruppen 4 bis 5, die Männer dagegen in den Tarifgruppen K 5 bis 6. Da liegen oft 500 bis 1.000 EUR dazwischen. Da dürfen Betriebsräte/-innen und die IG Metall nicht wegschauen.

Redaktion: Christoph, Du bist der einzige Mann bei diesem Entgeltseminar. Warum bist Du hier und was sagst Du zu „Equal Paying“?

Christoph Paul: Als Entgeltreferent, Verantwortlicher in unserem Entgeltausschuss und ehemals alleinerziehender Vater hat mich die Sache einfach interessiert. Und ich finde, das hat alle Männer zu interessieren! Das Seminar hat mit vor allem eins gezeigt: In dem Thema ist noch viel „Musik drin“. Da können wir handfeste Erfolge erreichen und so auch überzeugte Mitglieder gewinnen. Allerdings war es gar nicht so einfach, einen Seminarplatz zu bekommen. Ausgeschrieben war das Seminar ja von Frankfurt irrtümlich als reines „Frauenseminar“. Meine Anmeldung sorgte also erst einmal richtig gehend für Irritationen. Erst nach einigem Hin und Her konnte das geklärt werden. Ich finde, gleicher Lohn für gleiche Arbeit, das geht uns alle an – Metallerinnen und Metaller! Dem stimmte dann auch die Seminarleitung zu, deren Haltung meine Teilnahme letztlich ermöglichte.

Im Nachklang zum Seminar empfehle ich allen Kollegen, es mir gleich zu tun. Leider ist ja die IG Metall selbst eine recht männerdominierte Gewerkschaft: Aber hier gilt es Wertigkeiten und Argumentationen zu überprüfen. Das gilt auch und gerade für uns als Männer und „Tarifleute“.

Redaktion: Was meinst Du damit konkret?

Christoph Paul: Als ich vor Jahren nach meinem Einstieg in die VL-Arbeit ganz bewusst als damals noch alleinerziehender Vater, Mann und Angestellter in der Datenverarbeitung, eine Teilzeitstelle mit 30 Stunden haben wollte, da galt ich im Betrieb und meiner Gewerkschaft noch als „Exot“. Mit Freude stelle ich fest, dass heute immer mehr junge Kollegen Beruf, Kinder und Familie unter einen Hut bringen wollen. Ich und diese Kollegen machen dabei Erfahrungen, die für Frauen wirklich nicht neu sind: Schon die Elternzeit bringt bisweilen einen „Karriereknick“. Gerade Frauen und Mütter, aber eben auch engagierte Väter versauern anschließend leicht auf schlechter eingruppierten Stellen. Die Vereinbarkeit von Kind und Karriere bzw. die falsche Alternative „Teilzeit oder Beförderung“ ist ein echtes Problem. Das ändert sich aber gerade.

Anja Mandzik: Na hoffentlich! In den Köpfen findet der Wandel ja leider langsamer statt als in Medien und Politik. Aber was auch die jungen Frauen wissen sollten, in jungen Jahren ist der Unterschied zwischen Entgelten und Karrieremöglichkeiten tatsächlich eher gering. Die „Entgelt-Lücke“ zwischen den Geschlechtern wächst aber beträchtlich mit zunehmendem Alter. Auch mit Blick auf jüngere Generationen hat sich dieser Trend nicht geändert: Nach wie vor sind es eher die Frauen, die das Gros der Elternzeit übernehmen, die dauerhaft Teilzeit arbeiten, wenn Kinder kommen. Und die später auch für pflegebedürftige Angehörige da sind. Es sind immer noch mehrheitlich Frauen, die unwillentlich und dauerhaft auf Teilzeit und in den niedrigen Lohngruppen hängen bleiben. Und in ganzen Berufsgruppen und Branchen richtet sich das Entgelt keinesfalls nach der tatsächlichen oder gar gesellschaftlich sinnvoller „Leistung“  sondern schlicht nach Geschlecht: Gelernte Erzieherinnen, Pflegeberufe und Verkäuferinnen sind dabei nur die bekanntesten Beispiele.

ChristophPaul: Stimmt! Das meine ich mit Wertigkeiten und Argumenten. In den Köpfen wirken immer noch ganz schön fest gelegte Rollenbilder. Und die werden durch die Sozialpolitik der Bundesregierung auch weiter befördert. Wir Männer müssen deshalb selbst nachdenken und darüber reden, dass es auch für uns bei konsequenter Gleichstellungspolitik etwas zu gewinnen gibt. Frauen und Männer müssen in Genderfragen selbstbewusst für gemeinsame Interessen in Betrieb und Gesellschaft eintreten.

Anja Mandzik: Das stimmt! Männer tun leider oft so, als sei die Frage „Faires Entgelt für Frauen“ ein reines Frauenthema und kriegen ihren Mund nicht auf. Viele Frauen – gerade mit eher schlecht bezahlter, wenig attraktiver Erwerbsarbeit – machen zu schnell falsche Kompromisse. Aber auch Frauen, die gerne arbeiten sind betroffen: Bei Berufswahl- und Planung, Neueinstellungspolitik, Beförderungs- und Eingruppierungsfragen müssen wir viel genauer hingucken lernen.

Redaktion: Sind Frauen zu feige für die Gleichberechtigung?

Anja Mandzik: Manchmal! Aber auch Selbstbewusstsein will nun einmal gelernt sein. Männer sind da leider oft fitter. Dafür gibt es viele Beispiele:

  • Frauen reden die Wertigkeit ihrer Arbeit meist eher klein. Männer dagegen brüsten sich gerne und mit jedem noch so kleinen Erfolg, sind gut vernetzt und führen keine „Zickenkriege“.
  • Frauen freuen sich oft schon über ein lobendes Wort des Vorgesetzten. Männliche Kollegen organisieren sich für zusätzliche Leistung eher die klar definierte materielle Anerkennung und sammeln „Statuspunkte“.
  • Frauen qualifizieren sich beruflich weiter, trauen sich aber dennoch weniger zu und bleiben so oft nur „fleißiges Lieschen“. Jungs kümmern sich aktiver und direkt um persönliche Beförderung und richtige Eingruppierung.     

Christoph Paul: Auch ich stelle immer wieder fest: Frauen werden eher aktiv, wenn man ihnen etwas wegnehmen will. Vorher lassen sie sich lange viel gefallen. Hinzukommt: Weil das Gehalt oft noch Tabu-Thema ist, fallen Ungleichheiten oft erst Jahre später oder nur bei gezielter Nachfrage auf.

Redaktion: Hat Euch das Seminar in Sprockhövel denn in der Sache praktisch weiter gebracht?

Christoph Paul: Ich sage ganz klar: Ja! Hier lernt man detailliert und ganz praktisch, den oft recht versteckten Mechanismen und Ursachen für Entgelt-Diskriminierung von Frauen auf die Spur zu kommen. Gezeigt werden echte Tools, die dabei helfen auch die Ecken auszuleuchten. Die IG Metall hat inhaltlich gut vorgearbeitet. Gerade über Seminare dieser Art bzw. rund um das Thema „Gender“ müssen wir die Debatte nun verstärkt in betriebliche Gremien und die Belegschaften bringen. Es gilt neu und ehrlich zu klären, was gemeinsame Ziele sind, wie wir sie zeitgemäß bewerben und durchsetzen.

Anja Mandzik: Dem stimme ich zu! Nicht zu unterschätzen ist dabei übrigens auch, dass so ein Seminar Kolleginnen und Kollegen vernetzt, die auf unterschiedlichem Level Erfahrungen und Erfolge haben. Das sorgt dafür, das Thema am Kochen zu halten und stärkt einem für die Arbeit den Rücken. Wenn es nach mir geht, plädiere ich deshalb auch für „Mehr davon!“. Dabei wünsche ich mir, dass wir den Dialog zwischen Männern und Frauen insgesamt, insbesondere aber auch zwischen jungen und älteren Kolleginnen, weiblichen Azubis und erfahrenen „Chefinnen“, JAVis und BR´s voranbringen. Echte Gleichberechtigung ist ein Mehr-Generationen-Projekt!

Redaktion: Wir danken für das Gespräch und die Zeit, die Ihr Beiden Euch dafür genommen habt.


Jetzt anmelden für das nächste Frauenentgelt-Seminar 
– am 10. bis 13. September 2013

Wer spätestens bis zum Equal Pay Day 2014 auch im eigenen Betrieb den Entgeltstrukturen erfolgreich auf die Spur gekommen sein will, liegt mit  diesem Sprockhövel-Angebot genau richtig.  »Hier findet Ihre weitere Infos zum Seminar.

Die Anmeldung zum Seminar „Auf geht´s! Faires Entgelt für Frauen“  erfolgt über Eure zuständige IGM-Verwaltungsstelle (Freistellung nach § 37,6 BR / JAV , § 96,4 SBV).

Red.


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