Interview mit Richard Rohnert

Industriearbeit im Wandel. Demokratie in Bedrängnis


05.08.2019 | Seit dem 1. Juli 2019 hat Sprockhövel mit dem Kollegen Richard Rohnert eine neue Leitung: Fritz Janitz konnte damit seine Verantwortung in gute Hände übergeben. Richard ist ein vielseitig erfahrener Metaller, ausgewiesener Tarifexperte der IG Metall und war zudem bis 2008 selbst als Bildungsreferent in Sprockhövel tätig. Die Homepage-Redaktion führte im Rahmen der Sommerschule 2019 mit ihm ein erstes Gespräch zu seinem Werdegang und der neuen Aufgabe.

Richard, seit 2014 warst Du Tarifsekretär der IG Metall Bezirksleitung Nordrhein-Westfalen und hast damit eine wichtige und tragende Funktion eingenommen. Was sind Deine persönlichen Motive, Dich dieser neuen Leitungsaufgabe zu stellen?

Diese Frage beantworte ich gerne! Denn wenn ich genauer darüber nachdenke, bin ich letzten Endes selbst ein echtes Kind gewerkschaftlicher Bildungsarbeit. Da bin ich reingewachsen, drin groß geworden und das hat mich immer begleitet. Für meine eigene „politische Menschwerdung" war die Bildungsarbeit von großer Bedeutung. Anders gesagt: Ich habe gelernt, es braucht Bildung um sich selbst und die Welt zu verändern.

Das heißt, Du hattest offensichtlich schon früh auch Kontakt mit Gewerkschaften?



Klar! Ich bin im Saarland aufgewachsen – in einem bewusstseinsmäßig ganz klassisch sozialdemokratisch geprägten Arbeitermilieu – Vater Kranfahrer auf der Dillinger Hütte, Mutter Verkäuferin. Mein erster Ausbilder war zudem Betriebsratsvorsitzender. Den habe ich angesprochen, dass ich IG Metall Mitglied werden will und dass ich bereit wäre, als Jugendvertreter zu kandidieren. So kam es dann auch. Nach dem Ausbildungsbeginn als technischer Zeichner im September 1980 bin ich recht bald als Jugendvertreter im OJA gelandet. Im November 1981 war dann schon mein erstes Seminar in Sprockhövel – und das war sozusagen „Liebe auf den ersten Blick". Die Bildungsarbeit war sofort mein Ding – Schulwissen und Medien kritisch zu hinterfragen, gesellschaftliche Verhältnisse verstehen und an Alternativen zu basteln, das hat mich von Anfang an begeistert.

Eltern sind ja darauf aus, dass es den Kindern einmal besser gehen soll. Hat das Deine eigene Berufswahl und Deinen Lebensweg geprägt?

Bestimmt! Laut Elternplan wäre es allerdings das Beste gewesen, Elektriker auf der Dillinger Hütte zu lernen und da auch zu bleiben. Das habe ich jedoch früh verworfen; zu nah dran am Vater. Mich selbst hat damals eigentlich die Architektur und als Vorbereitung darauf eine Lehre als Bauzeichner interessiert. Ich habe allerdings schnell herausgefunden, dass die Azubi-Vergütung für Bauzeichner damals bei 235 DM lag, statt 508 DM für die technischen Zeichner, dank IG Metall Tarifvertrag.

Erstaunlich, Dein Langzeit-Gedächtnis für genaue Daten und Zahlen!

(lachend) Ein Faible von mir! Ich könnte Dir jetzt natürlich auch genau sagen, dass Karl-Heinz Schnellinger 1970 im Halbfinale gegen Italien dass 1:1 in der 90. Minute schoss. Voraussetzung für die Verlängerung, die Deutschland dann 3:4 verlor. Ein Jahrhundertspiel. Bestimmte Zahlen und Fakten auf meiner Festplatte sind nicht zu löschen.

Keine schlechte Eigenschaft für die betriebswirtschaftliche Seite Deiner neuen Aufgabe. Aber zurück ins Saarland. Wie ging es für Dich weiter?

Neben der Ausbildung habe ich mich begeistert in die Metall-Jugendarbeit gestürzt. Und: mit 23 Jahren dann gegen ein Ingenieurstudium entschieden und für das Studium bei der AdA – heute die Europäische Akademie der Arbeit. Meine gewerkschaftliche Jugendarbeit konnte ich auf der Achse zwischen Saarland und Frankfurt somit natürlich wunderbar weiter fortsetzen.

Die AdA und das Studium ermöglichten es Dir also aus deiner politischen Leidenschaft eine Profession zu machen und hauptamtlich für die IG Metall tätig zu werden? Bist Du dabei direkt in der Tarifpolitik gelandet?

Nein, keinesfalls! Nach der Akademie startete ich 1988 mit einem viermonatigen Praktikum im Vorstandsbereich Bildung und anschließend als Jahrespraktikant im Jugendschwerpunkt Sprockhövel. Eine spannende Zeit, weil damals aus den betrieblichen Jugendvertretungen die erst im neuen Betriebsverfassungsgesetz mit zusätzlichen Rechten ausgestatteten Jugend- und Auszubildendenvertretungen wurden. Wir entwickelten für die Bildungsarbeit entsprechende Qualifizierungskonzepte und Materialien. Und bauten natürlich munter die ersten eigenen Netzwerke innerhalb der IG Metall auf. So folgte dann meine Zeit bei der IG Metall Kassel, wo ich 1989 als Jugendsekretär angestellt wurde.

Die 80er und die frühen 90er waren ja politisch recht bewegte Zeiten – in der Gesellschaft wie in der IG Metall. Und offensichtlich prägend auch für Dich?

Allerdings! Dazu gehörten insbesondere die Auseinandersetzungen um die 35-Stunden-Woche, die Mobilisierung der Friedensbewegung gegen den Nato-Doppelbeschuss und die Internationale Solidaritätsarbeit, da vor allem mit Nicaragua. Das war sozusagen der Kanon meiner Politisierung. Ich selbst habe mich dabei immer als Teil einer auf gesellschaftliche Emanzipation setzenden Gewerkschaftsbewegung gesehen. 1992 zog es mich dann von Kassel übrigens wieder nach Sprockhövel. Damals wurde eine Stelle als Bildungsreferent frei. Bis 2008 konnte ich mich dann in vielen unterschiedlichen Arbeitsschwerpunkten der Bildungsarbeit tummeln, neue Seminar-Formate mitentwickeln und natürlich auch umsetzen.

Ein politischer Weg, der Dich mit vielen, die heute in der IG Metall das Sagen haben, verbindet. Wie stehst Du denn zu den alten Richtungsstreits, auch in der Bildungsarbeit, zum Beispiel zwischen Betriebs- und Gesellschaftspolitik?

Das Denken in Schubladen war noch nie mein Thema. Polarisierungen dieser Art gab es ja immer: Betriebs- oder Gesellschaftspolitik, Traditionalist oder Modernisierer, Klassenkampf oder Sozialpartnerschaft, Leitfaden- oder Teilnehmerorientierung. Dahinter steckte meist der Wunsch nach Zuordnung oder Abgrenzung und auch das Bedürfnis nach eigener Zugehörigkeit, sprich, die Frage: Bist Du einer von uns und kann man Dir trauen? Mein Ding war eher, gut vernetzt zu sein und auch nach pragmatischen Wegen zu suchen. Das schließt ja eine klare Haltung nicht aus. Im Gegenteil! Schließlich geht es bei Gewerkschaftsarbeit um elementare Dinge: konkrete Arbeits- und Lebensbedingungen, Gerechtigkeitsfragen, Menschen und Leben. Unsere gemeinsame Kernfrage muss dabei doch immer lauten: Wie organisieren wir erfolgreiche Interessenvertretung? Was können wir rausholen? Wie setzen wir gesellschaftlichen Fortschritt auch durch? Eine starke betriebliche Verankerung als IG Metall und die Einflussnahme auf gesellschaftliche Rahmenbedingungen gehören dabei – auch und gerade in Zeiten von Globalisierung und Transformation – für mich unbedingt zusammen. Gerade heute geht es dabei um nicht weniger als eine Re-Politisierung der Betriebsarbeit. Gewerkschaftliche Bildungsarbeit und viele innovative Projekte der IG Metall können und wollen dazu einen nachhaltigen Beitrag leisten.

In Zeiten von europaweit erfolgreichem Rechtspopulismus ist das offensichtlich, aber „das Einfache, was schwer zu machen ist!" Parteien wie die AfD finden ja leider auch unter Gewerkschafter*innen durchaus ihren Zuspruch?

Ja! Aber das sollte uns nicht beirren oder gar einschüchtern. Nationalismus, rechte Ressentiments und Wohlstands-Chauvinismus sind ja nicht neu. Spätestens seit der Heitmeyer-Studie in den 90ern wissen wir zudem, wie viele Menschen, auch und grade aus der sogenannten Mitte unserer Gesellschaft, für rechte Angst- und Stimmungsmache oder autoritäre Strukturen nach wie vor empfänglich sind. Eine Mitgliedschaft in der IG Metall führt nicht automatisch dazu, dass auch unsere Werte und Traditionen gelebt werden.

Wer bei Bosch in Bamberg arbeitet – da werden Injektoren und Düsen für die Dieseltechnologie hergestellt – ist unter gewissen Umständen empfänglich für schlichte Parolen wie „Rettet den Diesel!" Diese unzulässige Vereinfachung darf man allerdings nicht – und genau das tut die AfD – zum Politikmodell machen. Antworten auf den strukturellen Umbruch der Industriearbeit sind das jedenfalls nicht. Geschweige denn brauchbare Ideen und Impulse für den zukunftstauglichen Umgang mit den sozialen und ökologischen Herausforderungen unserer komplexen Zeit und Welt.

Umso wichtiger ist es für die IG Metall, klar und verständlich Position zu beziehen, echte Alternativen aufzuzeigen und konkrete Angebote zu machen.

Genau! Dabei gilt es geradlinig, verständlich und einfach, aber eben nicht unzulässig vereinfachend zu argumentieren. Und: sich mit erfolgreichen Tarifrunden, beteiligungsorientierten Konzepten und öffentlicher Mobilisierung als durchsetzungsstark und vor allem handlungsfähig zu beweisen. Wie wichtig gerade Letzteres ist, habe ich spätestens in meiner Zeit als Tarifpolitiker gelernt. Die Durchführung von Streiks und die Weiterentwicklung der Arbeitskampffähigkeit der IG Metall waren mir in den 30 Jahren bei der IG Metall immer besonders wichtig. Nah ran an die betriebliche Wirklichkeit und an die Bedürfnisse der Beschäftigten in dieser schnell gewordenen digitalen Welt brachte mich dabei natürlich besonders meine praktische Erfahrung als Tarifsekretär der IG Metall NRW.

Du zeigst Dich also durchaus optimistisch, was positive Veränderungen der Gesellschaft und eine offensive Bildungsarbeit betrifft!

Ja, warum nicht! Zugespitzt sind es doch zwei Herausforderungen – „die Industrie im Wandel und die Demokratie in Bedrängnis!" – also wichtige Zeiten für mehr persönliche Zivilcourage und innovative Konzepte! Daran in der Bildungsarbeit selbst mitzuwirken betrachte ich jedenfalls als lohnenswerte Aufgabe. Umso mehr, als ich dabei die IG Metall und ein gut aufgestelltes Team in Sprockhövel hinter mir weiß.

Die letzten zehn Jahre, der Neubau und der Umzug sowie viele der damit verbundenen und positiven Neuerungen, waren für die Beschäftigten im Bildungszentrum Sprockhövel eine Herausforderung, die sie großartig und mit viel Teamgeist gemeistert haben. Die dabei entstandene Qualität ist ein dickes Plus für die Organisation und alle Teilnehmenden. Dies zu halten und weiter auszubauen macht Freude und Sinn. Die Demonstration in Berlin war dazu ein schönes Signal: Gezeigt haben wir öffentlich, dass die IG Metall die gesellschaftliche Treiberin ist, für eine sozial gerechte Transformation, einen „Fairwandel", demokratisch und ökologisch nachhaltig. Wir waren über 50.000 im Schulterschluss mit Sozial- und Umweltverbänden.

Gut so und der richtige Weg! FairWandel kann in Zeiten der Transformation schließlich nur gelingen, wenn sich die IG Metall verstärkt und bewegungsorientiert öffnet. Sprich: Wenn wir uns als Gewerkschaft als beweglich, bündnis- und diskursfähig beweisen. Dies gilt natürlich auch für eine zeitgemäße Bildungsarbeit. Sprockhövel ist und bleibt ein guter Ort und Treffpunkt, um entsprechende Ideen und Projekte voranzutreiben.

Zu diesem Selbstverständnis passt natürlich das Hannah-Ahrendt-Zitat, mit dem Du auch Deine erste öffentlichen Begrüßungsrede auf unserer Veranstaltung am 12. Juli hast enden lassen. Kannst Du es für uns nochmals wiederholen?

Gerne! „Die Kunst, politisch zu denken, besteht vor allem im Mut, sich zwischen alle Stühle zu setzen. Streitbar zu sein setzt dabei voraus, die Welt aus der Perspektive anderer betrachten zu können – und trotzdem selbst zu denken."

Nun denn! In diesem Sinne wünschen wir Dir, Sprockhövel und allen Aktiven der Bildungsarbeit eine konstruktive und gute Zusammenarbeit in „streitbaren Zeiten".


Anmerkung für Leseratten: Richard Rohnert ist Mitherausgeber des Handbuches  „Arbeit – Entgelt – Leistung“, ein Standardwerk zur betrieblichen Anwendung der Entgelt-Rahmentarifverträge, erschienen im BUND-Verlag.

 

Richard, seit 2014 warst Du Tarifsekretär der IG Metall Bezirksleitung Nordrhein-Westfalen und hast damit eine wichtige und tragende Funktion eingenommen. Was sind Deine persönlichen Motive, Dich dieser neuen Leitungsaufgabe zu stellen?

Diese Frage beantworte ich gerne! Denn wenn ich genauer darüber nachdenke, bin ich letzten Endes selbst ein echtes Kind gewerkschaftlicher Bildungsarbeit. Da bin ich reingewachsen, drin groß geworden und das hat mich immer begleitet. Für meine eigene „politische Menschwerdung" war die Bildungsarbeit von großer Bedeutung. Anders gesagt: Ich habe gelernt, es braucht Bildung um sich selbst und die Welt zu verändern.

Das heißt, Du hattest offensichtlich schon früh auch Kontakt mit Gewerkschaften?




Klar! Ich bin im Saarland aufgewachsen – in einem bewusstseinsmäßig ganz klassisch sozialdemokratisch geprägten Arbeitermilieu – Vater Kranfahrer auf der Dillinger Hütte, Mutter Verkäuferin. Mein erster Ausbilder war zudem Betriebsratsvorsitzender. Den habe ich angesprochen, dass ich IG Metall Mitglied werden will und dass ich bereit wäre, als Jugendvertreter zu kandidieren. So kam es dann auch. Nach dem Ausbildungsbeginn als technischer Zeichner im September 1980 bin ich recht bald als Jugendvertreter im OJA gelandet. Im November 1981 war dann schon mein erstes Seminar in Sprockhövel – und das war sozusagen „Liebe auf den ersten Blick". Die Bildungsarbeit war sofort mein Ding – Schulwissen und Medien kritisch zu hinterfragen, gesellschaftliche Verhältnisse verstehen und an Alternativen zu basteln, das hat mich von Anfang an begeistert.

Eltern sind ja darauf aus, dass es den Kindern einmal besser gehen soll. Hat das Deine eigene Berufswahl und Deinen Lebensweg geprägt?

Bestimmt! Laut Elternplan wäre es allerdings das Beste gewesen, Elektriker auf der Dillinger Hütte zu lernen und da auch zu bleiben. Das habe ich jedoch früh verworfen; zu nah dran am Vater. Mich selbst hat damals eigentlich die Architektur und als Vorbereitung darauf eine Lehre als Bauzeichner interessiert. Ich habe allerdings schnell herausgefunden, dass die Azubi-Vergütung für Bauzeichner damals bei 235 DM lag, statt 508 DM für die technischen Zeichner, dank IG Metall Tarifvertrag.

Erstaunlich, Dein Langzeit-Gedächtnis für genaue Daten und Zahlen!

(lachend) Ein Faible von mir! Ich könnte Dir jetzt natürlich auch genau sagen, dass Karl-Heinz Schnellinger 1970 im Halbfinale gegen Italien dass 1:1 in der 90. Minute schoss. Voraussetzung für die Verlängerung, die Deutschland dann 3:4 verlor. Ein Jahrhundertspiel. Bestimmte Zahlen und Fakten auf meiner Festplatte sind nicht zu löschen.

Keine schlechte Eigenschaft für die betriebswirtschaftliche Seite Deiner neuen Aufgabe. Aber zurück ins Saarland. Wie ging es für Dich weiter?

Neben der Ausbildung habe ich mich begeistert in die Metall-Jugendarbeit gestürzt. Und: mit 23 Jahren dann gegen ein Ingenieurstudium entschieden und für das Studium bei der AdA – heute die Europäische Akademie der Arbeit. Meine gewerkschaftliche Jugendarbeit konnte ich auf der Achse zwischen Saarland und Frankfurt somit natürlich wunderbar weiter fortsetzen.

Die AdA und das Studium ermöglichten es Dir also aus deiner politischen Leidenschaft eine Profession zu machen und hauptamtlich für die IG Metall tätig zu werden? Bist Du dabei direkt in der Tarifpolitik gelandet?

Nein, keinesfalls! Nach der Akademie startete ich 1988 mit einem viermonatigen Praktikum im Vorstandsbereich Bildung und anschließend als Jahrespraktikant im Jugendschwerpunkt Sprockhövel. Eine spannende Zeit, weil damals aus den betrieblichen Jugendvertretungen die erst im neuen Betriebsverfassungsgesetz mit zusätzlichen Rechten ausgestatteten Jugend- und Auszubildendenvertretungen wurden. Wir entwickelten für die Bildungsarbeit entsprechende Qualifizierungskonzepte und Materialien. Und bauten natürlich munter die ersten eigenen Netzwerke innerhalb der IG Metall auf. So folgte dann meine Zeit bei der IG Metall Kassel, wo ich 1989 als Jugendsekretär angestellt wurde.

Die 80er und die frühen 90er waren ja politisch recht bewegte Zeiten – in der Gesellschaft wie in der IG Metall. Und offensichtlich prägend auch für Dich?

Allerdings! Dazu gehörten insbesondere die Auseinandersetzungen um die 35-Stunden-Woche, die Mobilisierung der Friedensbewegung gegen den Nato-Doppelbeschuss und die Internationale Solidaritätsarbeit, da vor allem mit Nicaragua. Das war sozusagen der Kanon meiner Politisierung. Ich selbst habe mich dabei immer als Teil einer auf gesellschaftliche Emanzipation setzenden Gewerkschaftsbewegung gesehen. 1992 zog es mich dann von Kassel übrigens wieder nach Sprockhövel. Damals wurde eine Stelle als Bildungsreferent frei. Bis 2008 konnte ich mich dann in vielen unterschiedlichen Arbeitsschwerpunkten der Bildungsarbeit tummeln, neue Seminar-Formate mitentwickeln und natürlich auch umsetzen.

Ein politischer Weg, der Dich mit vielen, die heute in der IG Metall das Sagen haben, verbindet. Wie stehst Du denn zu den alten Richtungsstreits, auch in der Bildungsarbeit, zum Beispiel zwischen Betriebs- und Gesellschaftspolitik?

Das Denken in Schubladen war noch nie mein Thema. Polarisierungen dieser Art gab es ja immer: Betriebs- oder Gesellschaftspolitik, Traditionalist oder Modernisierer, Klassenkampf oder Sozialpartnerschaft, Leitfaden- oder Teilnehmerorientierung. Dahinter steckte meist der Wunsch nach Zuordnung oder Abgrenzung und auch das Bedürfnis nach eigener Zugehörigkeit, sprich, die Frage: Bist Du einer von uns und kann man Dir trauen? Mein Ding war eher, gut vernetzt zu sein und auch nach pragmatischen Wegen zu suchen. Das schließt ja eine klare Haltung nicht aus. Im Gegenteil! Schließlich geht es bei Gewerkschaftsarbeit um elementare Dinge: konkrete Arbeits- und Lebensbedingungen, Gerechtigkeitsfragen, Menschen und Leben. Unsere gemeinsame Kernfrage muss dabei doch immer lauten: Wie organisieren wir erfolgreiche Interessenvertretung? Was können wir rausholen? Wie setzen wir gesellschaftlichen Fortschritt auch durch? Eine starke betriebliche Verankerung als IG Metall und die Einflussnahme auf gesellschaftliche Rahmenbedingungen gehören dabei – auch und gerade in Zeiten von Globalisierung und Transformation – für mich unbedingt zusammen. Gerade heute geht es dabei um nicht weniger als eine Re-Politisierung der Betriebsarbeit. Gewerkschaftliche Bildungsarbeit und viele innovative Projekte der IG Metall können und wollen dazu einen nachhaltigen Beitrag leisten.

In Zeiten von europaweit erfolgreichem Rechtspopulismus ist das offensichtlich, aber „das Einfache, was schwer zu machen ist!" Parteien wie die AfD finden ja leider auch unter Gewerkschafter*innen durchaus ihren Zuspruch?

Ja! Aber das sollte uns nicht beirren oder gar einschüchtern. Nationalismus, rechte Ressentiments und Wohlstands-Chauvinismus sind ja nicht neu. Spätestens seit der Heitmeyer-Studie in den 90ern wissen wir zudem, wie viele Menschen, auch und grade aus der sogenannten Mitte unserer Gesellschaft, für rechte Angst- und Stimmungsmache oder autoritäre Strukturen nach wie vor empfänglich sind. Eine Mitgliedschaft in der IG Metall führt nicht automatisch dazu, dass auch unsere Werte und Traditionen gelebt werden.

Wer bei Bosch in Bamberg arbeitet – da werden Injektoren und Düsen für die Dieseltechnologie hergestellt – ist unter gewissen Umständen empfänglich für schlichte Parolen wie „Rettet den Diesel!" Diese unzulässige Vereinfachung darf man allerdings nicht – und genau das tut die AfD – zum Politikmodell machen. Antworten auf den strukturellen Umbruch der Industriearbeit sind das jedenfalls nicht. Geschweige denn brauchbare Ideen und Impulse für den zukunftstauglichen Umgang mit den sozialen und ökologischen Herausforderungen unserer komplexen Zeit und Welt.

Umso wichtiger ist es für die IG Metall, klar und verständlich Position zu beziehen, echte Alternativen aufzuzeigen und konkrete Angebote zu machen.

Genau! Dabei gilt es geradlinig, verständlich und einfach, aber eben nicht unzulässig vereinfachend zu argumentieren. Und: sich mit erfolgreichen Tarifrunden, beteiligungsorientierten Konzepten und öffentlicher Mobilisierung als durchsetzungsstark und vor allem handlungsfähig zu beweisen. Wie wichtig gerade Letzteres ist, habe ich spätestens in meiner Zeit als Tarifpolitiker gelernt. Die Durchführung von Streiks und die Weiterentwicklung der Arbeitskampffähigkeit der IG Metall waren mir in den 30 Jahren bei der IG Metall immer besonders wichtig. Nah ran an die betriebliche Wirklichkeit und an die Bedürfnisse der Beschäftigten in dieser schnell gewordenen digitalen Welt brachte mich dabei natürlich besonders meine praktische Erfahrung als Tarifsekretär der IG Metall NRW.

Du zeigst Dich also durchaus optimistisch, was positive Veränderungen der Gesellschaft und eine offensive Bildungsarbeit betrifft!

Ja, warum nicht! Zugespitzt sind es doch zwei Herausforderungen – „die Industrie im Wandel und die Demokratie in Bedrängnis!" – also wichtige Zeiten für mehr persönliche Zivilcourage und innovative Konzepte! Daran in der Bildungsarbeit selbst mitzuwirken betrachte ich jedenfalls als lohnenswerte Aufgabe. Umso mehr, als ich dabei die IG Metall und ein gut aufgestelltes Team in Sprockhövel hinter mir weiß.

Die letzten zehn Jahre, der Neubau und der Umzug sowie viele der damit verbundenen und positiven Neuerungen, waren für die Beschäftigten im Bildungszentrum Sprockhövel eine Herausforderung, die sie großartig und mit viel Teamgeist gemeistert haben. Die dabei entstandene Qualität ist ein dickes Plus für die Organisation und alle Teilnehmenden. Dies zu halten und weiter auszubauen macht Freude und Sinn. Die Demonstration in Berlin war dazu ein schönes Signal: Gezeigt haben wir öffentlich, dass die IG Metall die gesellschaftliche Treiberin ist, für eine sozial gerechte Transformation, einen „Fairwandel", demokratisch und ökologisch nachhaltig. Wir waren über 50.000 im Schulterschluss mit Sozial- und Umweltverbänden.

Gut so und der richtige Weg! FairWandel kann in Zeiten der Transformation schließlich nur gelingen, wenn sich die IG Metall verstärkt und bewegungsorientiert öffnet. Sprich: Wenn wir uns als Gewerkschaft als beweglich, bündnis- und diskursfähig beweisen. Dies gilt natürlich auch für eine zeitgemäße Bildungsarbeit. Sprockhövel ist und bleibt ein guter Ort und Treffpunkt, um entsprechende Ideen und Projekte voranzutreiben.

Zu diesem Selbstverständnis passt natürlich das Hannah-Ahrendt-Zitat, mit dem Du auch Deine erste öffentlichen Begrüßungsrede auf unserer Veranstaltung am 12. Juli hast enden lassen. Kannst Du es für uns nochmals wiederholen?

Gerne! „Die Kunst, politisch zu denken, besteht vor allem im Mut, sich zwischen alle Stühle zu setzen. Streitbar zu sein setzt dabei voraus, die Welt aus der Perspektive anderer betrachten zu können – und trotzdem selbst zu denken."

Nun denn! In diesem Sinne wünschen wir Dir, Sprockhövel und allen Aktiven der Bildungsarbeit eine konstruktive und gute Zusammenarbeit in „streitbaren Zeiten".


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