Jugendbildungskongress 2018 (02)

Die Transformation der Arbeitswelt aktiv gestalten ...


19.04.2018 | "Schnick. Schnack. Schnuck." Beim "Aufwachspiel" auf der Jugendbildungskonferenz in Sprockhövel stehen sich am Samstagmorgen die „Fanclubs" von Marcello Sessini, Projektsekretär „Arbeit + Innovation" und Irene Schulz, Mitglied im Geschäftsführenden Vorstand gegenüber.

Marcello gewinnt! "Der schönste Tag in meinem Leben!", lautet sein augenzwinkernder Kommentar. Die Bühne gehört dafür anschließend ganz Irene Schulz, die in ihrem Referat das Konferenzthema in anschauliche Fakten und Beispiele zu den anstehenden Aufgaben für die IG Metall übersetzte und sich gerne der Diskussion im Plenum stellte.

"Die Arbeitswelt 4.0 wird Eure Arbeitswelt sein!“
In den Mittelpunkt ihres Beitrags rückte Irene Schulz drei Fragestellungen:

  • Was ist da in den Betrieben eigentlich gerade im Gange?
  • Wie stellen wir uns dazu als IG Metall inhaltlich auf?
  • Was heißt das für unsere (Jugend-)Bildungsarbeit konkret?

Zur Sachlage: Da wo heute Arbeitsinhalte „in Echtzeit“ vernetzt werden und entsprechende Technologien zur Anwendung kommen, entstehen an den Schnittstellen von Mensch und Maschine, ständig neue und in Bewegung befindliche Wechselwirkungen zwischen realer und virtueller Welt.

Die Welt von „Big-Data“ beginnt auf dem eigenen Smartphone.
Die Folgen: ganz neue Produkte, Dienstleistungen und Geschäftsmodelle, andere und vielseitige Qualitätsanforderungen an die Beschäftigten (komplexer und interdisziplinärer), hoher und beständiger Bildungs- und Weiterbildungsbedarf, die Entgrenzung von Arbeitszeit (durch mobiles Lernen und Arbeiten), neue Herausforderungen auch für betriebliche Mitbestimmungsmodelle, Kooperation und Kommunikation, gewerkschaftliche Organisations- und Arbeitsformen. Dabei gilt:

  • Klimawandel und Umweltregulation
  • Globalisierung und neue Wertschöpfungssketten
  • Digitalisierung (neue Produkte und Prozesse)
  • Vielfalt und Demografie

wirken weltweit und treffen auf Gesellschaften, die zunehmend ungerecht sind und von den Menschen auch als ungerecht und verunsichernd empfunden werden. Betrofffen sind ganze Branchen – und dabei nicht nur die klassischen „Blaumänner“ sondern ebenso Akademiker, Angestellte und Führungskräfte. 

  • Welchen Zukunftsszenarien will und kann man vertrauen? 
  • Bleiben schließlich tatsächlich nur noch hochqualifizierte
    Expert*innen und ein Heer niedrig entlohnter Hilfskräfte übrig?
  • Was macht die 4. industrielle Revolution mit Menschen und
    den Rahmenbedingungen für gewerkschaftliches Engagement?
  • Wo bleibt eine ernsthafte Bildungsoffensive?
Und: Wie entdecken wir als Gewerkschaften in dieser Entwicklung auch die Chancen, entwickeln sinnvolle (Gegen-) Strategien und behalten dabei die Risiken der neoliberalen Welt dennoch fest in Blick? 

"Für ein Mehr an Gerechtigkeit und Zusammenhalt!"
Die IG Metall nimmt diese Herausforderungen an: Dazu Irene Schulz: „Was wir jetzt wirkli ch nicht gebrauchen können ist Angst. Im Gegenteil! Für die anstehenden Aufgaben braucht es selbstbewusste Metaller*innen, die Bock auf neue Konzepte und Lösungen haben!“ Wenn wir dem Strukturwandel nicht passiv ausgeliefert sein wollen, müssen wir pro-aktiv sein wollen, eigene Visionen haben und mit überzeugenden Gestaltungsvorschlägen antreten.“ Denn:

"Wir wollen die Transformation in eine Arbeitswelt 4.0,
  die gerecht, sicher und selbstbestimmt ist!"

Hier geht es um mehr als reine Technikdebatten: Notwendig ist die Entwicklung und Konkretisierung eigener Leitbilder und Konzepte für die Gestaltung von Arbeit und Gesellschaft 4.0:

  • Wo entwickelt sich die Beschäftigung hin?
  • Was erhält Deutschland/Europa als Industriestandort?
  • Wie definieren und organisieren wir künftig Solidarität und Gesellschaft?
  • Was ist ein hilfreiches Koordinatensystem um sich in dieser Welt
    offenherzig, medienkompetent und werteorientiert zu bewegen?
  • Was verschafft den Jungen und den Starken neue Chancen –
    ohne die Älteren oder die Armen weiter abzuhängen?
  • Mit welchen Ideen begeistern und überzeugen wir die Menschen –
  • auch und gerade in (noch) eher gewerkschaftsfernen Milieus (z.B.
    crowd-worker, Solo-Selbsständige, Studierende)?

Risiken bewerten. Chancen erkennen.
Eigene Machtressourcen einsetzen.


„Wer gegen Verunsicherung und Angst etwas tun will, muss in den Betrieben und der Gesellschaft eine beteiligungsorientierte Debatte um konkrete Lösungen anpacken“, so Irene Schulz. Genau darauf zielt eine breit geführte Diskussion in der IG Metall ab, die derzeit neu an Fahrt gewinnt. Wichtige Etappen der Reflexion und Selbstverständigung: ein Wissenschaftskongress im Juni 2018 in Berlin, der Transformation-Kongress der IG Metall am 30./31. August in Bonn und natürlich der Gewerkschaftstag im Herbst 2019.

Drei zentralen Aufgaben stehen dabei auf der Tagesordnung:

1. Risiken bewerten! Zu den großen Risiken zählen ohne Frage,

  • Verluste einfacher Arbeitsplätze
  • zunehmendes Kontrollpotenzial durch „Big-Data“
  • Entgrenzung von Arbeit und Privatheit
  • Entfremdung der Menschen (auch von Natur & Umwelt)
  • Kommerzialisierung aller Lebensbereiche
  • Fragmentierung der Arbeitslandschaft
  • Abbau von Chancengleichheit und Teilhabemöglichkeiten
  • Behinderungen, Limitierungen und Monopolisierung des Zugangs
    zu Informationen, Bildung und Wissen, innovativer Technik

2. Chancen erkennen! Große industrielle Revolutionen lassen sich erfahrungsgemäß nicht aufhalten und passiv aussitzen. Unser Gestaltungsauftrag könnte stattdessen lauten:

  • Arbeit muss hochwertig und abwechslungsreich sein
  • Qualität verlangt nach einer ernsthaften Bildungsoffensive
    von der alle profitieren und die Chancengleichheit schafft
  • Wir wollen besser statt billiger produzieren –
    gute, nachhaltige und sinnvolle Produkte herstellen
  • Vielseitigere und qualifizierte Arbeitsplätze schaffen
  • Arbeit alterns- und altersgerecht gestalten
  • Arbeitszeiten selbstbestimmter organisieren
  • Arbeitsbelastung durch neue Technik reduzieren
  • Über künftige Investitionsschübe sowie Geldflüsse von
    Forschungs- und Fördermitteln mitentscheiden

3. Machtressourcen einsetzen! Um diese „Verheißungen“ auch wahr zu machen, brauchen wir allerdings gute Umsetzungsstrategien und die Einflussnahme auf Mehrheiten im politischen Raum. Es gilt, Demokratie wieder lern- und streitfähig zu machen, Mitbestimmungsrechte anzuwenden und auszuweiten, eine hohe Tarifbindung durchzusetzen und neue Mitglieder für eine starke IG Metall zu gewinnen. Dazu Irene: “Jetzt ist ein guter Zeitpunkt für Vorwärtsdenker*innen: Hinter uns liegt eine erfolgreiche Tarifrunde, die wir mit Herz und Verstand erfolgreich bestritten haben – und die bereits zu mehr als 15.000 Neuaufnahmen und viel öffentlichem Zuspruch geführt hat“. Unsere Zukunftziele:

  • Die Sicherung des Produktionsstandorts Deutschland / Europa
    durch eine hohe Innovationskraft

  • Eine intakte Umwelt und Natur – 
    im Einklang mit Wohlstand und Beschäftigung

  • Die humane Ausgestaltung der Arbeitswelt 4.0
    in der Systeme den Menschen nutzen. Nicht umgekehrt!

  • Demokratische Gesellschaften, die den Sozialstaat 4.0
    mit gelebter Solidarität und Vielfalt zu verbinden wissen

Die Bildungsarbeit der IG Metall –
Viel Freiraum für den gemeinsamen Diskurs


Mit einer Bitte an die Teilnehmenden beendete Irene Schulz ihren Vortrag: "Unterstützt mit Eurer Bildungsarbeit die notwendige Debatte in der IG Metall. Macht die Sache in den Seminaren möglichst konkret: Wie wird das Thema anfassbar und spannend? Wie wehren wir politische Angriffe auf die Arbeitswelt 4.0 und den Sozialstaat 4.0 ab? Wie entwickeln und realisieren wir eigene Ideen und konkrete Lösungen? Wo gelingt es Druck zu machen - über Tarifverträge und Umsetzungsbestimmungen, in der Öffentlichkeit, in Betrieben, Politik und Gesellschaft? Wie stärken wir die internationale Zusammenarbeit von Gewerkschaften und Betriebsgremien?

Gefragt: Fachliches Know How, strategisches Wissen, Prozess- und Beteiligungskompetenz, erweiterte Konzepte und neue Formate und Kooperationen.

Vielversprechend: Das Projekt “Arbeit + Innovation“ und die Kooperation seitens der Bildungszentren mit dem Future Work Lab am Frauenhofer-Institut in Stuttgart (Lohr / Bad Orb) sowie mit der Lernfabrik der Ruhr-Universität in Bochum (Sprockhövel).

Empfohlen: Die Teilnahme am „Forum Politische Bildung 2018“, das Industrie 4.0 und die Digitalisierung der Arbeitswelt in diesem Jahr zum wichtigen Schwerpunktthema gewerkschaftlicher Bildungsarbeit macht.

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Mehr lesen über den Jugendbildungskongress 2018:

>Hier geht's zu Teil 1  (Überblick / Programm & Ablauf))
>Hier geht's zu Teil 3  (Adrian Hermes / Ausbildung 4.0)

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Save The Date - JuBiKon 2019
Den Termin für den Jugendbildungskongress 2019 blocken sich
„schlaue“ Aktive der Jugendbildungsarbeit schon jetzt: 

10. bis 12. Mai 2019 – 
im IG Metall Bildungszentrum Sprockhövel


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