Politisches Neujahrsforum 2018

Zeit der Widersprüche - (k)eine Zeit für Utopien? Von wegen!


11.01.2018 | Mit dem Politischen Neujahrsforum 2018 - als Format übrigens mittlerweile einer unserer Klassiker - startete das Handlungsfeld Gesellschaftspolitik in Sprockhövel das neue Bildungsjahr. Eingeladen zum Neujahrsforum sind gleichermaßen aktive Metaller*innen sowie Autorinnen, Wissenschaftler*innen, Aktivist*innen aus anderen sozialen Bewegungen. Ein sich wechselseitig befruchtender Blick über den Tellerrand der eigenen Aktivitäten. Entsprechend hoch ist das Interesse - und jeweils lang, die Wartelisten.

Diesmal thematisch im Fokus: Konkrete Utopien im Nützlichkeitstest. Die Ziele des Forums: Orientierung, Reflexion und eine Überprüfung des eigenen Koordinatensystems. Erwünschte Nebeneffekte: Motivation und Ermutigung zum persönlichen Handeln.

Unübersichtliche Zeiten: An Kriegen, Krisen und Armut wird bestens verdient. Der organisierte Rechtspopulismus probt europaweit den Vormarsch. Reformfreudige Regierungen und gesellschaftliche Mehrheiten für einen ökologischen und fairen Umbau der Industriegesellschaft sind aktuell nicht wirklich in Sicht. Viele Menschen vereinzeln, vereinsamen. verarmen und verbittern - anstatt sich zu solidarisieren. Derweil steigen Dax, Mieten, geschürte Ängste, soziale Ungleichheit – hierzulande und weltweit. Selbst der Wetterbericht wird zum täglichen Krisenbarometer für den Klimawandel.

"(K)eine Zeit für Utopien?" – d
as diesjährige Neujahrsforum lud ein, der Frage nachzugehen, ob Menschen (natürlich auch wir selbst) heute noch eine utopische Sehnsucht, berührende Zukunftsbilder und eigene Vorstellungen für ein anderes Leben haben – wollen und brauchen? Wie tragfähig sind alte, neue und ersehnte Zukunftsentwürfe? An sogenannten Dialogtischen trafen sich die Teilnehmenden zum Start des Forums. Gesammelt wurden eigene Themen und Fragen, die uns selbst bewegen: Was sind Hemmnisse und was macht Hoffnung? Wo treiben Utopien - uns selbst und andere - an? Wo gilt es konkrete Konzepte zur Transformation von Gesellschaft zu entwickeln und zu überdenken? Wie lassen sich Synergien neu bündeln und erfolgreiche Allianzen stiften? 

"Nichtstun ist keine Lösung!"
In dem anschließenden Impulsreferat ging es um erste Antworten. »Hilal Sezgin, Journalistin, Buchautorin und Philosophin thematisierte die Grundfrage nach der (eigenen) politischen Verantwortung in Zeiten des Umbruchs: Für sie ist "»Nichtstun, keine Lösung". Doch was hält (auch uns selbst) davon ab, nachzufragen und hinzuschauen? Warum lohnt es sich, eine Haltung zu zeigen und zu leben - und zwar für eine tolerante, demokratische und solidarische Gesellschaft. Wie gehen wir selbst mit Stolpersteinen und Widersprüche um? In einem flotten, sich manchmal geradezu selbst überholenden Tempo lieferte Sezgin - und das nicht ohne Humor, Optimismus und Selbstironie - zu all diesen Fragen einen Koffer voller Anregungen, Beispiele und kleiner Provokationen, die das Plenum zu einer angeregenden Debatte ermunterten. Sie zeigte, wie vielschichtig – auch unter Metaller*innen – Meinungen, Motivationen und Menschen nun einmal sind - und das nicht nur, wenn es um den eigenen (Fleisch-)Konsum geht ;-)). Eine gute Grundlage um am Folgetag, die Workshop-Angebote zur inhaltlichen Vertiefung zu nutzen und sich dabei mit wechselseitiger Wertschätzung zu begegnen. 

"Klären, wofür wir heute noch kämpfen wollen!"
Fünf Workshops bestimmten den zweiten Tag. Alle Workshops gaben Gelegenheit um konkrete und visionäre Ideen zu entwerfen, zu verwerfen oder zu konkretisieren. Bei themengleichem Angebot am Vor- bzw. Nachmittag konnten zwei der folgenden Workshops besucht werden:

  • Utopien der Arbeiterbewegung
    Was sind Quellen utopischer Suche im Individuum und immer wiederkehrende Motive von politischen Utopien in der Menschheitsgeschichte? Welche konkreten Utopien sind aus der Arbeiterbewegung hervorgegangen – insbesondere zur Demokratisierung der Wirtschaft und Humanisierung der Arbeitswelt? Welche Bedeutung haben sie für uns heute? Der "Blick zurück nach vorn" wurde eingeleitet durch Dr. Joachim Beerhorst,
    verantwortlich im IG Metall Vorstand für die Aus- und Weiterbildung von Hauptamtlichen sowie u.a. Mitbegründer des Trainee-Programms der IG Metall (Moderation: Jasmin Maschke).

  • Wege zu einer solidarischen GesellschaftGerda Brücher, Peter Blöing, Annette Schnorr und Petra Wolfram, alle erfahrene Referent*innen in der IG Metall Bildungsarbeit, stellten Untersuchungen, Ergebnisse und Positionen ausgewählter Wissenschaftler*innen und Autor*innen vor. Es wurde sichtbar: es gibt bereits viele gute und sehr konkrete Vorstellungen für eine solidarische und ökologisch nachhaltige Perspektive, für ein anderes Leben, Arbeiten, Eirtschaften und (Um.)Verteilen! Und viele Menschen sind für solche Alternativen auf dem Weg. Die Botschaft der Workshop-Teilnehmenden: lasst uns weiter darüber reden und unsere Aktivitäten und Kampagnen als IG Metall mit diesen Ideen anreichern!

  • Für eine Welt ohne Waffen
    Neue Kriege? Wen interessieren die Opfer? Wer sind die Profiteure? Was befördert das Entstehen einer neuen und selbstbewussten Friedensbewegung?
    Wann führen wir - ein in der IG Metall durchaus heikles Thema - wieder eine offensive Debatte um Konversion in Rüstungsbetrieben und deutsche Waffenexporte? Anne Rieger, IG Metallerin und erfahrene Friedensaktivistin machte dazu den inhaltlichen Aufschlag. (Moderation: Thomas Birg)

  • Die Mobilität von Morgen
    Mit seinen "Sieben Thesen für eine Verkehrswende und den Umstieg - JETZT!" hielt der Journalist, Buchautor, Linksaktivist und ausgewiesene Verkehrsexperte Winfried Wolf ein leidenschaftliches Plädoyer für den konsequenten Vorrang und die Machbarkeit kreativer ÖPNV-Lösungen (Moderation: Marcello Sessini)

  • Alternativen zur neoliberalen Globalisierung
    Kapitalismus und unbesteuert vagabundierendes Finanzkapital verstärken - weltweit - Arbeitslosigkeit und Armut, Fluchtbewegungen, falsches Wachstum und ökologische Zerstörung. Und zugleich: den Kosten- und Privatisierungsdruck auf öffentliche Haushalte und Solidarsysteme. Fakten, aktualisierte Zahlen und alternative Strategieansätze bot Werner Rätz, bekannt insbesondere durch sein Engagement beim globalisierungskritischen Netzwerk Attac (Moderation: Hüseyin Ucar)

Ein insgesamt inhaltlich prall gefüllter Tag: Bilder und Materialien erhalten alle Teilnehmenden übrigens mit einem eigenen Zugangscode über die Downloadseite dieser Homepage. Und: über einzelne der Themen und Gäste werden wir – in loser Folge – auch auf hier auf der Homepage nochmals vertiefend berichten.


Kleine "Anleitungen zum Mächtigsein"
Einhellig begrüßt wurde am dritten Tag der Einblick in ausgewählte Projekte. Serviert - wieder an den Dialogtischen im Saal - wurden gute Ideen und methodisch neue Ansätze, um
gegen Routine und Resignation erfolgreich zu Felde ziehen:

  • Carmen Burkhart von der Freiburger Gartenkooperative, stellvertretend für das bundesweite »Netzwerk Solidarische Landwirtschaft zeigt wie sich Menschen einfach selbst auf den Weg machen. Ihr Credo: nachhaltige Entwicklung. wirksamer Klimaschutz und gesunde Ernährung sind ohne "Urban Gardening-Projekte" und ein anderes Konsumverhalten, Alternativen in der Landwirtschaft und neue Initiativen für den ländlichen Raum nicht machbar. 

  • Marcello Sessini, stellte seine Fragen zu Visionen einer digitalen Arbeitswelt 4.0 und das IG Metall-Projekt »Arbeit + Inno>ation zur Diskussion. Seine Grundthese: Neue Wege für innovative Betriebsprojekte machen eine verstärkte Debatte in der IG Metall - nicht nur über Technologien sondern vor allem über erwünschte gesellschaftliche Utopien - einfach unverzichtbar.

  • Tina Adamko, präsentierte das Projekt "»Neue deutsche Medienmacher". Nein, hinter diesem Namen versteckt sich keine rechtspopulistische Truppe sondern das Gegenteil: ein junges Netzwerk von Menschen aus Einwandererfamilien, Vereinen und People of Color aus ganz Deutschland, die sich nicht länger als "Migrant*innen, ausländische Mitbürger*innen und Bindestrich-Deutsche" bezeichnen lassen wollen. Ihr Anspruch: Selbstorganisation und gleichberechtigte Teilhabe, Akzeptanz auf Augenhöhe.

  • Dazu präsentierte sie ein spannendes Mitmach-Projekt: die Expert*innenbörse »www.vielfaltfinder.de der Neuen deutschen Medienmacher*innen. Die Datenbank will Redaktionen und Veranstaltung*Innen nicht nur gute Fachleute mit interkultureller Kompetenz und eigener Erfahrung zu klassischen Integrationsthemen vermitteln. Sie bieten sich vielmehr als Fachleute auch zu eben allen x-beliebigen Themen an. Sichtbarer und damit wirksamer machen will man so die eigene und öffentliche Präsenz. Gestärkt werden soll zugleich ein Deutschlandbild,dass sich in seiner ganzen Vielfalt als Einwanderungsland präsentiert - auch in den Medien und auf den Podien dieser Republik.

    *) Gesucht werden übrigens  – immer – auch Bewerber*innen, die sich selbst und ihre Kompetenz gerne als Fachleute, O-Ton- oder Interviewpartner*innen über diesen Pool anbieten wollen.

  • Kein Platz für Rassismus: Stephan Klenzmann, als Metaller selbst aktiv in der Flüchtlingsarbeit und bei »der Initiative Respekt!, stand Rede und Antwort zu einem eigens für Azubis entwickelten Respekt-Seminar. Thomas Birg, Bildungsreferent in Sprockhövel und aktives Mitglied bei der »VVN - Bund deutscher Antifaschisten referierte zu zeitgemäßen Projekten rund um das Thema "Erinnerungsarbeit".


Spass am Widerstand macht Lust auf neue Wege
und braucht gemeinsame Utopien!

Schlussfazit vieler Teilnehmender: Lebendige Gewerkschaften brauchen Demokratie und Dialogbereitschaft, Geschichtsbewusstsein und Utopiefähigkeit, soziale Phantasie gepaart mit Weltoffenheit, viele kleine Schritte aber auch (Aus-)Richtung! Erwünscht: Orientierung und Transormationskonzepte für eine schnellebig gewordene Welt und die Öffnung der IG Metall für mehr direkte Begegung und gemeinsame Aktion von Gewerkschafter*innen - auch und gerade mit Aktiven aus anderen sozialen Bewegungen, Kunst, Kultur und Kiez.

Der Dialog zwischen Menschen in verschiedensten Lebenslagen und Erfahrungswelten
inspiriert, bereichert und stärkt – persönlich, unsere 
tägliche Betriebspolitik und - ja – auch das tarifpolitische Kerngeschäft. Denn: »Menschen sind wie Pilze; "eben nur scheinbar vereinzelt und unabhängig, jedoch durch unzählige Wurzeln (das Myzel) miteinander verwoben; also (und das ist eine gute Nachricht) nie ganz allein!" 

Ps. Extra-Tipp: Auch ein gut ausgewähltes Filmprogramm fand an den Abenden noch viele Fans. Genannt sei hier nur der im letzten Jahr neu erschienene Kinofilm "»TOMORROW - Die Welt ist voller Lösungen" (beziehbar als DVD). Dazu David Naborro, UN Beauftragter für Klimapolitik und nachhaltige Entwicklung: "Dieser Film sollte Teil der Ausbildung aller politischen Verantwortlichen weltweit sein!" Eine Empfehlung, die wir gerne weitersagen!


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