Kick-off 1

Unser Politisches Neujahrsforum – ein guter Jahresauftakt


21.01.2020 | "Gegen die Verrohung – Widerspruch organisieren, Perspektiven eröffnen!", so lautete der Titel unseres diesjährigen Politischen Neujahrsforums in Sprockhövel. Kolleg*innen aus allen Bezirken der IG Metall waren angereist, um das aktuelle gesellschaftliche Klima genauer unter die Lupe zu nehmen und den offenen Dialog zu suchen. Aus Interesse an den profunden Inputs und Referenten gesellten sich gleich zwei parallel tagende Seminare temporär dazu. Eine gute Idee, die man sich auch für andere spannende Veranstaltungen merken sollte.

"Kapitalismuskritik auf der Höhe der Zeit!"

Begrüßt wurden die Teilnehmenden dieser ersten Seminarwoche von einer frisch gehissten Regenbogen-Flagge vor dem Haus, dem aufgeräumten Team unseres Handlungsfelds Gesellschaftspolitik sowie Richard Rohnert. Der neue Leiter des Bildungszentrums Sprockhövel führte inhaltlich in die komplexe Fragestellungen des Forums ein, thematisierte die geopolitische Lage und beschrieb die aktuellen Herausforderungen an die IG Metall. Zur Abrundung plädierte er für selbstbewussten Optimismus sowie ein dialog- und denkfreudiges Forum und zitierte dazu den hier nachlesenswerten Rat an den Schwankenden von Bertolt Brecht:

"Erwarte keine andere Antwort als die deine!“

Gut, wenn man zuvor belebenden Input erhält, sich mit Kolleg*ìnnen beraten und ehrliche Fragen stellen kann. Gemeinsam mit interessanten Wissenschaftler*innen und Gästen machten wir so die Zerrissenheit und Polarisierung in der Gesellschaft zum Thema, reflektierten unsere gewerkschaftspolitische Praxis, beschäftigten uns mit Gegenstrategien und Lösungen. Bestitten wurde ein reichhaltiges Programm:

  • „Angst essen Seele auf!“ Den Auftakt machte Prof. Dr. Klaus Dörre, Professor für Arbeits-, Industrie-und Wirtschaftssoziologie an der Friedrich-Schiller Universität Jena. Zusammen mit seinem Team befasst er sich mit den Ursachen für die Wahlerfolge rechtspopulistischer Parteien bei Wähler*innen aus allen Klassen, Schichten und Milieus. Sein Fokus: die Ursachen und Folgen von rassistisch-autoritären "gedanklichen Verwerfungen" und „politischer Obdachlosigkeit“ auch bei gewerkschaftlich organisierten Arbeiter*innen, Angestellten und Betriebsräten. Ernüchternd isdazu die Analyse aktueller Wahlergebnisse.

    Dörres Analyse: Radikal rechte Orientierungen fußen auf Angst. Erfolgreich mobilisiert die Rechte neurotische Angstspiralen, die einerseits die Bereitschaft zu Anpassung und Unterwerfung fördern und andererseits sogar gewaltbereite Aggression. Laut Dörre gelingt hier die Umdefinition von Verteilungskonflikten, Abstiegsängsten, Kontrollverlust und Mangel an Perspektiven: Aus dem Gegensatz von oben und untenwird die Auseinandersetzung zwischen innen und außen konstruiert: "Man(n) ist solidarisch, aber nur unter seines gleichen." Aus Sicht von Dörre darf diese Situation weder weiter geleugnet noch bagatellisiert werden und nützt auch das Ausweichen in hilflosen Antifaschismus und moralische Empörung wenig.

    Seine Empfehlung auch und grade an die IG Metall: Es gilt, „gesellschaftliche Angstquellen erfolgreich zu beseitigen, eigene Kernprojekte für eine bessere Gesellschaft zu formulieren und dafür auch öffentlichkeitswirksam zu mobilisieren!" Der betrieblichen Mitbestimmung und politischer Bildungsarbeit fiele dabei eine für die Demokratie als Ganzes derzeit entscheidende Rolle zu: "Die Gewerkschaften sind doch heute fast die einzigen, die diese Leute überhaupt noch erreichen!“ 

  • Die „Umdeutung der sozialen Frage zur nationalen Frage“: Darin sieht auch Alexander Häusler, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Forschungsschwerpunkt Rechtsextremismus und Neonazismus der FH Düsseldorf die Erfolge der Rechten begründet. 

    Welcher Methoden sich die AfD dazu auf der Straße und insbesondere im Netz bedient, analysierte er faktenreich. Detailliert skizzierte er den Weg der AfD von der nationalliberalen Wirtschaftspartei hin zur radikal rechten Bewegungspartei sowie damit einhergehende Verschiebungen der gesellschaftlichen Links-Rechtsskala. Aus seiner Sicht ist der Rechtsextremismus dabei heute nicht (!) der gleiche wie noch vor zehn Jahren. Dringend warnt er vor einem unterkomplexen Populismus-Begriff, diagnostiziert das organisatorische Zusammenwachsen differenter rechter Milieus und definiert die AfD "zugleich als eine in weiten Teilen rechtsradikale Partei, die die soziale Frage zur völkisch-nationalen Frage umdefiniert" und damit zugleich gezielt und ohne Tabus gegen das „links-grün vergifte 68er Deutschland“ (Zitat Jörg Meuthen) mobilisisiert.

    Häusler empfiehlt dringend, die „sozialpolitischen Leerstellen nicht weiter den Rechten zu überlassen“ und sich nicht zu sehr an den Rechten selbst abzuarbeiten. Wichtiger: “Das Stützen demokratischer Zivilgesellschaft durch Initiativen vor Ort, die Formulierung konkreter Alternativen für sozial gerechte und solidarische Politik, die eigene Glaubwürdigkeit und vor allem neue und mobilisierende Zukunftsbilder!“

Der analytische Input und die gemeinsame Diskussion waren zugleich die Grundlage für anregende Workshops am zweiten Tag des Forums. Dabei wurde es konkret und alltagsnah. Die Workshop-Themen: Macht und Grammatik einer zunehmend verrohenden Sprache nicht nur der Politik im Netz (mit Journalistin Cornelia Fiedler), die Ursachen und der Umgang mit Shitstorms und die Widerlegung von Falschmeldungen (ein Faktencheck mit Hilfe der Redaktionsgruppe Correctiv in Essen), eine Einführung in die sensibilisierende Gruppenmethode "Vielfalts-Training" (zusammen mit Fessum Ghirmazion vom IG Metall Vorstand), ein Praxistraining für ansprechende Bildungs-Beerbung im Betrieb (zusammen mit Mark Haarfeldt und Kai Venohr vom DGB-Bildungswerk) und der gemeinsame Blick auf die Beschlusslage unseres letzten Gewerkschaftstages (zusammen mit Clarissa Bader, IGM Gevelsberg-Hattingen). 

  • Zeitenwende – Zeit für Gegenstrategien!“ Nicht den rechtspopulistischen Empörungsspiralen auf den Leim zu gehen, sondern als Gewerkschaft „die eigene Agenda vorgeben, Präsenz und Wirkungsmacht beweisen und sich als Demokratie- und Zukunftsbewegung erfahrbar zu machen“, dies war schließlich auch der Rat von Richard Detje, Sozialwissenschafter und Redakteur der Zeitschrift „Blätter für deutsche und internationale Politik“. In neun Thesen spitze er am Abschlusstag zu, was aus seiner Sicht auf die Tagesordnung gehört, wollen sich Gewerkschaften glaubwürdig als Demokratiebewegung gegen eine „Weiter-so-Strategie“ profilieren.

Die daraus folgende Abschluss-Diskussion enthielt viele Anregungen, wie dies erfolgreich funktionieren kann – und entsprechend aufgeräumt war die Stimmung. Fazit: Das Neujahrs-Forum wird von den Kolleginnen und Kollegen als ein tolles Angebot gewertet und als "Kraftquelle" gerne genutzt. Hilfreich, um mit frischem Rückenwind, neuen Ideen und ohne politische Neujahrsdepression ins Jahr zu starten.

Dazu das Feedback einer engagierten Betriebsrätin von Opel Eisenach: „Für mich ist das Neujahrsforum in Sprockhövel immer wirklich der Motivationschwung – wirksam für das ganze Jahr!" 


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