Die Shell-Jugendstudie 2019

"Zuversicht und Engagement – auch eine soziale Frage!"


18.12.2019 | Zu dieser Erkenntnis kam Ingo Leven, Diplom-Psychologe und langjähriger Mitautor der Shell-Studie in seinem Referat bei unserer GJAV/KJAV-Tagung in Sprockhövel. Die aktuelle Shell-Jugendstudie 2019 stellte sich wieder einmal der Frage: Wie tickt die Jugend? Seit 1953 wird die Studie alle drei bis fünf Jahre erhoben, um Sichtweisen, Werte und Erwartungen von Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 12 und 25 Jahren in Deutschland zu dokumentieren. Der Anspruch: präsentiert werden soll eine jeweils aktuelle Sicht auf "die Jugend von heute", die zugleich gesellschaftspolitische Denkanstöße liefern und zudem einen Langzeitvergleich ermöglichen will.

"Eine Generation meldet sich vermehrt zu Wort!"
Auch politisch! Das war bereits die Prognose der Shell-Studie 2015 und ist nun auch das offizielles Fazit der 18. Jugendstudie. Shell selbst fasst das Ergebnis 2019 auf der eigenen Homepage einleitend so zusammen: "Jugendliche melden sich vermehrt zu Wort und artikulieren ihre Interessen und Ansprüche nicht nur untereinander, sondern zunehmend auch gegenüber Politik, Gesellschaft und Arbeitgebern. Dabei blickt die Mehrheit der Jugendlichen eher positiv in die Zukunft. Ihre Zufriedenheit mit der Demokratie insgesamt nimmt zu. Die EU wird überwiegend positiv wahrgenommen. Jugendliche sind mehrheitlich tolerant und gesellschaftlich liberal. Am meisten Angst macht Jugendlichen die Umweltzerstörung."


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Bilderstrecke: Impressionen (Quelle: Range/gfp) – 14 Fotos

Hier lohnt der genaue und differenzierende Blick
Dies ermöglichte den Teilnehmenden unserer GJAV/KJAV-Tagung namentlich Ingo Leven, diplomierter Psychologe und seit 2002 Mitautor mehrerer Shell-Jugendstudien. Direkt zu Beginn seiner Ausführungen bekannte er sich als überzeugter Berliner, langjährig engagierter Betriebsrat an seinem Instituts und zudem als Profiteur eines durchlässiger gewordenen Bildungssystems. Entsprechend kommentierte er nicht nur die Gesamtergebnisse sondern lud alle Teilnehmenden dazu ein, sich die Werte der Studie durchaus sozial differenziert anzuschauen und sch einige der gestellten Fragen - live und im Saal - selbst zu beantworten. Zudem lieferte er Einblick in die Architektur der Studie sowie einzelne Fragestellungen. Dabei zeigte sich natürlich, dass sich auch die Gesamtergebnisse der Shell-Jugendstudie teils deutlich nach sozialer und regionaler Herkunft, Bildungsgrad und Geschlecht unterscheiden. Konstatiert wurde dabei von Leven eine "neue Synthese aus Tradition und neuen Werten" und die Notwendigkeit neuer demokratischer Beteiligungsformen.

Hier einige der diskutierten Ergebnisse:

  • Familie, Freundschaft, Partnerschaft, der soziale Nahbereich ist und bleibt auch für Jugendlichen eine wichtige Grundlage für (soziales) Engagement. Geselligkeit und Vernetzung steht dabei bei den 12 bis 25-Jährigen - bei aller Mediendominanz - ganz weit vorn!

  • Jugendlicher Optimismus bleibt ungebrochen: die Sorge vor Arbeitsplatzverlust (insgesamt 26/%) geht insgesamt etwas zurück. mehrheitlich 84% sind sich sicher, dass berufliche Verhältnisse in Erfüllung gehen. Auch die Sicherheit, dass sich die eigenen beruflichen Wünsche erfüllen, liegt - allerdings je nach sozialer Herkunft mit 72 bis 91 Prozent unterschiedlich bewertet - voll im Trend.

  • Ebenso Trend: die Sorge um Umwelt (je nach Herkunft und Bildungsgrad 60 bis 80 Prozent) und Klimawandel. Jugendliche aus der oberen sozialen Schichten bestimmen dabei insgesamt die Agenda - denn ihre Themen liegen derzeit weit vorne. Interessant: Sorgen und Ängste haben sich verschoben, sind eher abhängig vom Bildungsgrad und sozio-kulturellen Milieus als der Zugehörigkeit zu ihrer Generation.

  • Die Mehrheit der Jugend vertraut in Demokratie und Toleranz bleibt bei aller Parteienverdrossenheit ein Markenzeichen der Jungen: Vier Fünftel der Befragten befürworten die Vielfalt von Lebensformen und immerhin 56 % sorgen sich vor allem vor wachsender Feindschaft zwischen den Menschen.

  • Allerdings: satte 10 % stimmen - und das übergreifend in allen Schichten - eindeutig national-populistischen und rassistischen Thesen zu. Immerhin ein Fünftel will selbst lieber keine Flüchtlinge oder eine türkische Familie als Nachbar haben. Dies ist zwar - laut Referent - ein geringerer Wert als noch vor 15 Jahren, als Aussage und Wert jedoch reichlich erschreckend.

  • Je geringer das Vertrauen an der eigenen Lage etwas verändern zu können, umso höher ist die Empfänglichkeit für populistische Antworten und Verschwörungstheorien. Und: "Je prekärer die eigenen soziale Verhältnisse, desto zögerlicher stimmen Jugendliche der Aussage zu, dass es gerecht zugeht" (Zeit online). Allerdings sind die entsprechenden Erklärungs- und Deutungsmuster dafür höchst verschieden und entsprechen dabei mehrheitlich durchaus nicht immer dem gewerkschaftlichen Wertekanon.

  • Skandalös: Soziale Herkunft entscheidet nach wie vor über Bildungschancen und Bildungserfolge (Stichwort Faktor 6). Hier hat sich in den letzten 20 Jahren (!) leider wenig bis nichts getan. Ähnlich sieht es übrigens mit Blick auf die digitale Medienkompetenz aus: auch die Generation der geborenen "Digital Natives" zeigt sich hier mit Blick auf Qualifikation, Nutzungsgewohnheiten, Zugang und Fähigkeiten äußerst heterogen - natürlich einmal mehr in direkter Abhängigkeit zu Herkunft und Bildungsgrad.

  • Erwartungen an das Berufsleben bleiben stabil: Sicherheit des Arbeitsplatz (über 90%), genügend Freizeit sowie Zeit, sich um andere zu kümmern sind ihnen dabei insgesamt wichtiger als der Wunsch nach einem höheren Einkommen. Eine ausgewogene Work-Life-Balance gewinnt an Bedeutung. Eklatante Unterschiede zeigen sich allerdings auch hier je nach Geschlecht, sozialer Herkunft und realen Zukunftsaussichten.

  • Interessant: Motivierte "Durchstarter" in gelungene Bildungskarrieren sind oft Ostdeutsche, Migrant*innen und Frauen. Grade bei Mädchen hält dabei der Trend zu höheren Bildungsabschlüssen, allerdings auch klassischen Familienmodellen im Vergleich mit 2015 an. Das Gymnasium ist unangefochten die populärste Schulform und unter den Mädchen sogar schon die Schule, die von einer absoluten Mehrheit besucht wird.

  • Junge Frauen sind also eher die Bildungsgewinnerinnen; allerdings legen andere Aussage nahe, dass die Spaltung unter den Geschlechtern am Arbeitsmarkt stabil bleiben könnte: Die Mehrheit der jungen Frauen will, wenn die eine Familie gründen, beruflich zurücktreten und gibt an, dass ihr Partner - vorausgesetzt es sind kleine Kinder da - eher in Vollzeit arbeiten soll, während sie selbst in die Teilzeit gehen.


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Bilderstrecke: Input und Diskussion (Quelle: Thomas Range/gfp) – 12 Fotos

"One Size fits all - das funktioniert nicht mehr!"

Zusammenfassend bewertet Ingo Levens die aktuelle Jugend als eher prakmatisch und optimistisch. Meist fehle es an langen Zeithorizonten auf das eigene Leben und favorisiert würde deshalb eher "die Fahrt auf Sicht". Vor allem zeige sich die Jugend dabei weiterhin als sehr vielseitig und differenziert sowie durchaus bereit zu sozialem und politischem Engagement. Allerdings: "One Size fits all und Betriebspolitik im Unisex-Format - das funktioniert definitiv nicht mehr." Jugendliche und (junge) Erwachsene wollen sich selbst als Teil eines großen Ganzen erleben, möchten allerdings durchausindividuell angesprochen und gefragt werden.

Levens konkrete Empfehlung an die Teilnehmenden der GJAV/KJAV-Konferenz: "Direkte Ansprache und persönliche Einbeziehung bleiben mit Blick auf betriebliche Mitbestimmung unersetzlich. Für Eure Arbeit in den Betrieben heißt das, ohne hier belehrend wirken zu wollen, gute Kampagnen können erfahrbare Strukturen sinnvoll ergänzen, allerdings nie ersetzen. Entscheidend für die Glaubwürdigkeit der IG Metall im Betrieb und mehr Engagement bei den Jungen ist das Erleben eigener (Selbst-)Wirksamkeit vor Ort sowie innerhalb der Gewerkschaftsaktionen selbst."

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Die 18. Shell Jugendstudie ist im Beltz-Verlag unter dem Titel "Jugend 2019" erschienen und im Buchhandel erhältlich (ISBN 978-3-407-83195-8, € 24,95).

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