Ausstellung + Dialog + Aktion

Vernissage »4074 Tage« – ein gelungener Auftakt


04.02.2019 | "Demokratie wächst von unten!" : Vor ca. 100 Kolleginnen und Kollegen, eröffnete in der vergangenen Woche unsere neue Ausstellung "4074 Tage - Tatorte der NSU-Morde" mit einer Vernissage.
  • Im Mittelpunkt: eine Fotoserie, in der sich unsere Kollegin Gabriele Reckhard mit den Tatorten von zehn nachgewiesenen NSU-Morde auseinandersetzt.

  • Eingeladen als Gastredner: Dr. Mehmet Gürcan Daimagüler, Anwalt zweier betroffener Familien und damit einer der Vertreter der Nebenklage beim Münchener NSU-Prozess. 
Musikalisch auf einer Bağlama untermalt wurde der Besuch der Ausstellung – live – von Muzaffer Gürenc, Musiker und einer der Mitgründer des interkulturellen Vereins Mosaik e.V. in Düsseldorf.

Gegen das Vergessen:
Unsere Alternative heißt Solidarität.

Mindestens zehn Menschen wurden vom Nationalsozialistischem Untergrund (NSU) ermordet; alle an ihrem Arbeitsplatz.
 Die Opfer: Gewerbetreibende mit türkischen, kurdischen und griechischen Wurzeln und eine junge Polizistin. Die Tatorte: alltäglich, mitten unter uns, in verschiedenen Städten quer durch die ganze Republik.

Zu ihrem Gedenken verlas Hüseyin Ucar, Bildungsreferent in Sprockhövel und Moderator der Veranstaltung, einleitend ihre Namen vor einem sichtlich berührten Publikum. Die Ausstellungsidee, ihre Motivation und Zielsetzung sowie die Machart der einfühlsamen Fotoarbeiten schilderte anschließend Gabriele Reckhard. Quintessenz der Bilder:

  • Sie wollen Respekt erweisen; den Opfern eines gewaltbereiten Rassismus sowie ihren Angehörigen. Sie sollen erinnern; an viele noch offene Fragen zum Hintergrund des NSU-Komplexes und anderer rechtsradikaler Netzwerke in diesem Land.

  • Sie möchten ermutigen; zum offenen Widerspruch gegen den strukturellen Rassismus in unserer Gesellschaft und alltägliche Diskriminierungen – im Großen wie im Kleinen. Sie laden uns ein; zum Nachdenken über Ursachen, Gegenstrategien und unsere konkreten Handlungsmöglichkeiten. 

Themen, die wir nicht länger an den Rand schieben wollen!

Auch und gerade nicht in der IG Metall, die mehr als 500.000 Mitglieder mit Migrationshintergrund organisiert und sich der Humanität sowie der Unteilbarkeit von Grundrechten zutiefst verpflichtet fühlt. Dennoch gibt es die Erfahrung, auch in den eigenen Reihen, dass diese Welt nicht immun ist gegen Vorurteile, Hass und völkisches  Gedankengut. Gute Gründe für diese Ausstellung.


Vorschau

Bilderstrecke: Dialog (Quelle: Thomas Range/gfp) – 7 Fotos

Gefragt: Mut. Meinung. Menschlichkeit.
Selbstreflexion und gemeinsames Handeln

Dazu Petra Wlecklik, Leiterin des Ressorts Migration und Teilhabe beim Vorstand der IG Metall: "Diese Ausstellung ist notwendig und geht uns ALLE an! Aufarbeitung, Gedenken und klare Positionen, auch zu den Vorfällen in der Polizeiwache Frankfurt (Stichwort NSU 2.0), gehören dazu. Wer Spannungen in der Einwanderungsgesellschaft verstehen will, sollte sich die Geschichten der betroffenen Menschen und Familien anhören und sie ins Herz lassen." In diesem Sinne will die Ausstellung "4074 Tage" hinsehen, zuhören und im eigenen Haus den interkulturellen Dialog zwischen Kolleginnen und Kollegen anregen: jenseits von Nationalismen, Hate-Speeches (nicht nur im Netz) oder bloßen Sonntagsreden. 

Anlässe stiften. Anlässe nutzen.

Wir freuen uns, wenn die Ausstellung und unsere Bildungsarbeit dazu Gelegenheit bietet und sich Seminare, Gäste des Hauses sowie unsere Belegschaft die Zeit dafür nimmt, das gemeinsame Gespräch zu suchen.

  • Die Ausstellung befindet sich im EG unseres Seminargebäudes. Sie startet in Pause 1 mit Infos über den inhaltlichen Kontext NSU, die Kooperationspartner des Projekts und die Macherin.

  • Im Gang folgen die Fotoarbeiten, jeweils angelegt als dreiteilige Triptychons, bestehend aus zwei Fotoperspektiven und einem Text zu den einzelnen Tatorten. Hilfreich: Eine lesenswerte Broschüre im A5-Format enthält begleitende Hintergrund-Infos zu den einzelnen Motiven.

  • Die Ausstellung mündet in den "Treffpunkt Willkommen". Hier bietet sich (Sitz-) Gelegenheit um zu verweilen und tiefer einzusteigen. Anregung dazu bieten die Bilder und Texte selbst sowie unsere Fragen, die sich – auch und gerade nach dem Urteil im NSU-Prozess – weiterhin stellen.

  • Dazu: ausgewählte Literatur (vor Ort einsehbare Bücher zum Thema), ein wechselndes Filmangebot sowie aktuelles Aktionsmaterial der IG Metall, unserer Initiative Respekt! sowie anderer wichtiger Menschenrechts- und Aktionsgruppen.

  • Eine große Tafel und unser offenes Gästebuch laden Euch dazu ein, eigene Erfahrungen, Gedanken und Gefühle als Kommentar zu hinterlassen. 

Vorschau

Bilderstrecke: Ausstellung (Quelle: Thomas Range/gfp) – 14 Fotos

Vorsicht: "Hass ist ansteckend!"
Die Lehren aus den NSU-Morden beherzigen.

Wie wichtig Hinsehen und Handeln ist, machte die Gastrede von Mehmet Daimagüler deutlich. Er kam, nach eigenem Bekunden, gerne zur IG Metall. Nicht zuletzt, weil sein Vater selbst als aktiver Metaller unterwegs war und für ihn Bildung ein hohes Gut bedeutete.

Pointiert berichtete der Anwalt über die Hintergründe, politische Untiefen und fatale Verstrickungen, die im Zuge von insgesamt 438 Prozesstagen beim sogenannten NSU-Prozess immer deutlicher wurden:

  • Erschütternd: Wie unbehelligt die Taten des NSU und seiner Helfershelfer über all die Jahre blieben.  Stattdessen: Kriminalisierung der Opfer, permanent einseitige Ermittlungen von Polizei und Behörden und eine stigmatisierende Berichterstattung in vielen Medien (Stichwort: "Döner-Morde").

  • Erschreckend: Die Rolle von Ermittlungsbehörden, dem Verfassungschutz und seinen in der Szene angeworbenen und angeleiteten V-Leuten sowie "geschredderte und geschwärzte Akten". Dazu Daimagüler: "Hier wirken staatlich mitfinanzierte Anreizsysteme eskalierend in einer zunehmend organisierten, vernetzen und gewaltbereiten Neonazi-Szene."

  • Entblößend: die Bagatellisierung rassistisch motivierter Straftaten (auch vor Gerichten) und das Verleugnen von regel"rechtem" Korpsgeist, leider auch unter Polizisten und in staatlichen Behörden. Dazu die Warnung des Anwalts: "Hier entstehen negative Lernkurven mit fatalen Folgen: Die rechte Meute wittert es doch, wenn ihr bei einschlägigen Straftaten keine Sanktionen drohen - und jedes Mal werden ihre Taten leider anschließend dreister und noch böser." 

Seinen Vortrag rundete der Anwalt mit einer provokanten Frage ab: "Nun gut! Polizei-, Staats- und Medienversagen beim Thema NSU; alles wahr!

Wichtig ist jedoch auch diese Frage:
Wo waren damals eigentlich wir? 

Mit WIR meine ich Dich und mich selbst, uns alle hier." Gemeint sind die Jahre von 2000 bis 2008, als die sogenannte Ceska-Mordserie immer wieder türkische Opfer forderte - uns die rassistischen Hintergründe ahnen ließ, auch wenn die Polizei nicht in diese Richtung ermittelte. Seine eigene Frage beantwortet sich Daimagüler durchaus selbstkritisch:

"Ja! Auch ich habe anfangs weggeschaut. Etwas, wofür ich mich heute schäme und entschuldigen muss!" Die Gründe benennt er offen und schonungslos: "Sicherlich war damals noch ein wenig Feigheit dabei. Zudem war man schließlich nicht selbst betroffen. Noch nicht, sage ich heute dazu! Hauptgrund für mein Schweigen aber war wohl Opportunismus; die Sorge um die politische und berufliche Karriere. Schließlich saß ich damals im FDP-Bundesvorstand; da wollte man sich als türkischstämmiges Parteimitglied nicht immer wieder mit unbequemen Fragen und dem Thema Rassismus unbeliebt machen".

"Macht den Mund auf, wenn es drauf ankommt!"

Aus der FDP trat er 2007 aus. Als Vertreter der Nebenklage stellte er Fragen, die auch heute viele lieber nicht hören wollen – und die auch im Münchener NSU Prozess leider unbeantwortet blieben:

  • "Wie groß war oder ist der NSU wirklich? Welche Rolle haben Verfassungsschutz und bezahlte V-Leute gespielt? Und: Wie gehen wir nach den Erfahrungen des NSU –lernend als Gesellschaft – mit den Problemen des institutionellen Rassismus um?" 

Das Schlussplädoyer des Anwalts: "Eines habe ich gelernt: Unsere demokratischen Werte und Regeln sind leider verdammt verletzlich – und abhängig von der Einsatzbereitschaft vieler einzelner Menschen zugleich!" Sein Appell an Publikum und Gewerkschaften: "Macht den Mund auf, wenn es drauf ankommt! Rechtzeitig! Und, seid bitte wieder mehr auch an der Seite der ganz Schwachen." 

Freiraum für Begegnungen
Gemeinsame Rundgänge durch die Ausstellung

Schön, dass sich anschließend alle Zeit für die Bilder der Ausstellung nahmen. Nachdenklich, die Gespräche unter Kolleg*innen. Wunderbar, dabei ein wärmendes Glas Tee – frisch aufgebrüht auf dem Samowar – mit einem freundlichen Lächeln gereicht. Ich klappe dabei das Ausstellungs-Info auf und lese:

 Ich soll nicht morden
 ich soll nicht verraten
 Das weiß ich
 Ich muß noch ein Drittes lernen:
 Ich soll mich nicht gewöhnen

Wie dieses Gedicht von Erich Fried weitergeht, lässt sich in dem Begleitheft auf Seite 4 nachlesen. 

Hinweis: Seminare, die Interesse an einer gemeinsamen Führung haben, melden sich bitte bei Gabriele.Reckhard@igmetall.de oder ihrer Seminarleitung. Nach rechtzeitiger Absprache mit unserem wunderbaren Serviceteam, reichen wir Euch dazu auch gerne ein Glas türkischen Tee ;-)).

* Hier die Artikel zur Ausstellungseröffnung aus WZ und WAZ

 

Vorschau

Bilderstrecke: Impressionen (Quelle: Thomas Range/gfp) – 8 Fotos

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