8. Mai - der Tag der Befreiung

Zwei Einladungen zu Gesprächen, Reflexion und Gedenken


07.05.2020 | Am 8. Mai 1945 war der Zweite Weltkrieg offiziell zu Ende - unsere Städte lagen in Schutt und Asche, die Welt hatte Millionen Tote zu beklagen und Hitler-Deutschland war militärisch besiegt.

Dank Corona wird auch der 75. Tag des Gedenkens, wie leider so viele als öffentliche Veranstaltungen geplante Feierstunden anlässlich der Befreiung von Konzentrationslagern, leider weniger öffentliche Aufmerksamkeit haben als er es verdient. Traurig, denn dies sind verpasste Gelegenheiten zum direkten Gespräch mit den letzten lebenden Zeitzeugen dieser Ereignisse. Deshalb:

Sucht in diesen Tagen das Gespräch mit Zeitzeug*innen

  • Großartig, dass auch unser IG Metall Jugendbildungszentrum in Schliersee die Gelegenheit zum Austausch mit einer Zeitzeug*in nicht verpassen wollte und in der Woche des 8. Mai gleich zwei zwei themenbezogener Web-Talks anbietet. Wer dies verpasst hat, kann sich die Aufzeichnungen der Gespräche auf der Facebook-Seite von Schliersee anschauen.

  • Noch besser: Sucht selbst das persönliche Gespräch mit lebenden Zeitzeugen - im eigenen Bekannten- und Kolleg*innenkreis sowie vor allem der Familie. Meldet Euch bei Ihnen am 8. Mai – wenigstens mit einem netten und persönlichem Gruß, und nicht ohne auf das Datum zu sprechen zu kommen.

Einladen möchte ich zudem zu einem kleinen Spaziergang

Einen Moment des stillen Gedenkens und der eigenen Reflexion bietet Köln, ob am 8. Mai oder einem anderen Tag, ganz in der Nähe des Hauptbahnhofs. Zwischen Rathaus und Gürzenich findet sich in der Kölner Altstadt die Ruine der Kirche St. Alban.

Durch einen alten gußeisernen Zaun blickt man in dem wunderbaren Innenhof der Kriegsruine auf das Mahnmal "Trauerndes Elternpaar". Die Skulptur wurde in den 50er Jahren von Joseph Beuys und Erwin Heerich als die vergrößerte Kopie einer Skulptur von Käthe Kollwitz geschaffen.

Köln & Käthe - vom Gürzenich via Schildergasse zum Neumarkt

Mein Vater, selbst sechs lange Jahre von den Nazis inhaftiert, zeigte mir die anrührende und zugleich Trost spendende Skulptur als ich ein kleines Mädchen war. An seiner Hand hörte ich als Fünfährige erstmals von diesem großen Krieg. Das Bild dieses Innenhofes habe ich nie vergessen. Genauso wenig wie die Worte dieses eigentlich schweigsamen Mannes, der – mir ganz nah  – plötzlich so viel aus seinem Leben zu erzählen wusste, über das er ansonsten schwieg. Der Tenor: "Nie wieder Krieg. Nie wieder!"

  • Käthe Kollwitz, die Schöpferin auch der bekannten Zeichnung "Nie wieder Krieg!", ist so viel mehr als ein weiblicher "Zille". Sie malte und zeichnete in Schwarz und Weiß: die Würde in der Armut, die Not in den Arbeiterfamilien und zugleich Trotz und Stolz. Gewalt und Gemeinsheiten.

  • Die Kollwitz schaffte zeitlose und deshalb noch heute aktuelle Bilder, Skulpturen und Plastiken. Immer mitten im Bild und eben nicht nur am Rande oder schlicht einfach vergessen: die Kinder, die Frauen und die Mütter, der Krieg, Not und Tod. Aber auch Liebe wie die Hoffnung!

Da wo Kaiser Wilhelm ihre Arbeiten noch als "Rinnsteinkunst" verunglimpfte nahm die Weimarer Republik Käthe Kollwitz 1919 als erste Frau in die Berliner Akademie der Künste auf. Ihr Engagement als Künstlerin und Pazifistin gab sie auch in den 30er und 40er Jahren nie auf.

Ein Engel – eingeschmolzen von den Nazis

Fußläufig vom Gürzenich aus flaniert man in wenigen Minuten zum Neumarkt. Dort ist das Käthe Kollwitz Museum (bis 08. Juni 2020 leider geschlossen). Auf halbem Weg findet sich dabei
in der Citykirche, mitten auf der Kölner Konsummeile Schildergasse, der schwebende Engel von Ernst Barlach. Auch die Werke dieses Bildhauers zählten im Hitler-Deutschland zur "entarteten Kunst".

  • Die Geschichte: Der originale Barlach-Engel im Güstrower Dom wurde 1937 von den Nazis entfernt und eingeschmolzen. Freunde von Barlach versteckten jedoch den Gipsabdruck des 250 Kilogramm schweren Bronzeengels und produzierten einen Zweitguss, den die Stadt Köln nach dem Krieg ankaufte.

  • Nach diesem Zweitguss konnte später auch der schwebende Engel für den Güstrower Dom wieder reproduziert und aufgestellt werden. Barlach selbst zu seinem Werk: "Für mich hat während des Krieges die Zeit stillgestanden. Sie war in nichts anderes Irdisches einfügbar. Sie schwebte. Von diesem Gefühl wollte ich in dieser im Leeren schwebenden Schicksalsgestalt etwas wiedergeben."

  • Der Engel befindet sich versteckt in der linken Ecke der Citykirche und verschafft eine kurze und gute Gelegenheit – jenseits des Kölner Einkaufstrubels – zum innehalten und reflektieren. 

Was die Wenigsten wissen: der Engel trägt die Gesichtszüge von Käthe Kollwitz, die Im 1. Weltkrieg ihren Sohn Peter an den Krieg verlor. Und: im 2. Weltkrieg ihren Enkel, auch einen Peter. Dies prägte nicht nur ihr Leben und ihr ganz persönliches Schicksal als Frau und Mutter sondern auch ihre ausdrucksstarke Kunst. 

Die in Deutschland bis heute viel zu wenig geschätzte Künstlerin Käthe Kollwitz durfte den 8. Mai als "Tag der Befreiung" nicht mehr erleben.
Wenige Tage vor dem Ende des 2. Weltkrieges verstarb Käthe Kollwitz am 22. April 1945 – an Herzversagen.


Kollwitz: Ein Leben in Leidenschaft
Verfügbar als Video-Doku in der Mediathek von 3SAT noch bis 10.05.2020 und

Kollwitz: Friedensaktivistin und Künstlerin
Empfehlenswert: ein Audio bei SWR2


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