Ein neues Lied – (k)ein besseres Lied?

Von den alten Webern zum World Wide Web


20.08.2018 | Was kann die IG Metall zum Thema Digitalisierung aus der Musikbranche lernen? Was unterscheidet die nächtliche Öllampe der Weber vom Monitorschein im heutigen Drei-Schicht-Betrieb? Darf eine Netflix-Sierie das alte Rebellenlied "Bella Ciao" zum Hit der Partypeople machen? Sind alte Volksweisen und historische Arbeiterlieder wieder „en vogue"? Oder: Ist selber singen etwa peinlich?

Von wegen: Alte Hits der Arbeiterbewegung wurden in diesem Workshop mit neuen Klängen belebt. Vom Erfahrungsaustausch zwischen "Musikern" und "Gewerkschafter*innen" profitierten tatsächlich beide Seiten. Und: Geschichte/n der Arbeiterbewegung wurde musikalisch ein wenig weiter "geschrieben" – mehrstimmig natürlich! 

Toll, wie der Lieder-Workshop – unter Leitung von Michael Zachcial und Frederic Drobnjak von der Grenzgängern aus Bremen – Episoden unserer Geschichte und alte Lieder der Arbeiterbewegung aufgriff und ihnen neue Aktualität verliehen. Gemeinsam holte man die „Maschinenstürmerei" aus der Frühzeit der Industrialisierung ins 21. Jahrhundert; beispielsweise indem man den Heinrich Heine-Text des alten Weberliedes und den Sound einfach gemeinsam weiterspann: 

Aus dem Refrain „Wir weben, wir weben, wir weben!" wurde das „World Wide Web". Denn von der Lage der schlesischer Weber war es nicht allzu weit hin zu den Ängsten im Umgang mit Industrie 4.0. oder den "Flüchen" moderner Technik und global agierender Märkte. Unverändert: der Wunsch nach Arbeitserleichterungen, die Sehnsucht nach guter Arbeit und gutem Leben, fairen Produktionsbedingungen.

Besonders spannend: der Austausch zwischen "frei"beruflichen Musikern und gewerkschaftlich organisierten Metaller*innen über ihre Erfahrungen mit Digitalisierung und Industrie 4.0. Dazu Michael Zachcia: "Ich behaupte mal, nirgends kann man die Vor- und Nachteile von Digitalisierung und die Folgen des Internets so gut studieren, wie mit Blick auf das Tempo der Veränderungen in der Musikbranche der letzten beiden Jahrzehnte".
  • Einerseits faszinierend, welche technischen Möglichkeiten Musiker*innen und Bands heute nutzen können, wie sich der Zugang zu Wissen und bezahlbaren Produktionsmitteln (Instrumente, Aufnahme-und Bühnentechnik, Marketing) "demokratisierte" und welche Kooperationen dabei – über Länder- und Kulturgrenzen hinweg - tagtäglich entstehen. 

  • Andererseits erschreckend, der rasante Zerfall und die völlige Umstrukturierung einer ganzen Branche oder ein - bei aller Vielfalt im Netz – doch eher durch Algorithmen gesteuerter und weltweit vereinheitlichter "Mainstream-Geschmack".
Auch und gerade die legendären Größen einer vor Kraft einst nur so strotzenden Musikindustrie wurden dabei - und das in nie geahntem Tempo – einfach weggefegt. Und kleine Start-Ups starteten durch um als Monopole ganze Märkte neu zu organisieren. Doch die Realität der Kreativen in der sogenannten Kreativwirtschaft ist hart: Es ist nicht leicht als Band von der eigenen Musik zu existieren, sein Publikum zu finden und es dauerhaft zu binden. Es ist aufwendig: die Aufmerksamkeit des flüchtigen "User" zu gewinnen, Fan-Gemeinden aufzubauen und zu halten, gut besuchte Live-Auftritte zu haben, den Abverkauf von Tonträgern (CD) und wenigstens minmal bezahlte Abrufzahlen im Netz zu forcieren.

Wie nehmen wir also selbst Einfluss auf technische Innovation, eine positive Entwicklungsdynamik, faire Arbeitsbedingungen sowie die Produktion wirklich sinnvoller und ökologisch nachhaltiger Güter?

Merke: Die Sommerschule spinnt alte Fäden gerne zeitgemäß weiter. "Roter Faden" – kluge Fragen stellen, ungewohnte Verbindungen knüpfen und auch mal neue Töne anstimmen.


Da capo: Ein Dankeschön, den beiden "Grenzgängern" aus Bremen

Vorschau

Bilderstrecke: Fotos: Range/gfp – 16 Fotos



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