PUPPENTHEATER

Fatima und die Befreiung der Träume


09.09.2019 | Die Sommerschule verbindet Generationen und Menschen durch kulturelle Begegnung. Die Neubelebung klassischer (Volks-)Künste ist uns dabei so wichtig wie zeitgemäße Neuentdeckungen.

Schön, damit verbundene persönlichen Begegnungen, manchmal gar prägende Erlebnisse – und viele, einfach zauberhafte Momente. Das kennt auch Claudia Hartwich, als ehemalige Bildungsreferetin in Sprockhövel, eine Mitinitiatorin der als festes Format mittlerweile so geschätzten Sommerschule.

Gerne kam sie in diesem Sommer als Teilnehmerin zurück; natürlich nicht ohne eine Überraschung für das Abendprogramm im Gepäck: Rafik Schami in einer Aufführung ihres Figurentheaters "Fundevogel".

Was soll man dazu noch sagen? 

  • Neben mir sitzt ein ausgewachsener Metaller älteren Jahrgangs. Begeistert und gänzlich ungeniert reitet er auf seinem Stuhl auf und ab. Dazu unterstützt er lautstark die schnackelnden Geräusche eines auf der Puppenbühne ständig galoppierenden Pferdes.

  • Vor mir nimmt ein kleines Mädchen einen noch kleineren Jungen – nur ganz kurz, aber dafür beherzt – fest in beide Arme. Denn der ist voll gespannter Aufregung über all die Ungerechtigkeiten, die Fatima mit List aber auch in ständiger Gefahr zu bekämpfen hat.

  • Diese liebevolle und körperliche Umarmung beruhigt ihn sofort. Beide setzen sich einträchtig auf den Boden um – völig entrückt – der Geschichte weiter zu folgen.

  • Erwachsene wie Kinder scheinen gleichermaßen gebannt – als wäre es großes 3-D-Kino mit Super-Dolby-Effekt oder eine frische Neuheit von der Kölner gamescom.
Das ist nun einmal Theater – handfestes Puppentheater auf kleinster Bühne: live, wahrhaftig und mitreißend. Dabei verstecken sich die beiden Puppenspielerinnen nicht einmal hinter einem Vorhang.




Was soll man dazu noch fragen? 

Der Abend hat – wie im Märchen – drei magische Zutaten:

  • Erstens: Es ist nun einmal die Sommerschule! Mehrere Generationen in einem Raum, die Lust haben sich aufeinander und den Abend einzulassen.
  • Zweitens: Die bezaubernde Geschichte von Rafik Schami. Der syrisch-deutsche Meistererzähler – übrigens promovierte Chemiker – versteht sich eben sehr gut darauf, den Wert von Träumen und der Sehnsucht nach Gerechtigkeit zu vermitteln.
  • Drittens: Claudia und Rama – die beiden Puppenspielerinnen lassen die handgefertigten Figuren und die Geschichte lebendig werden.

Kennengelernt haben sich Claudia und die aus Damaskus geflüchtete Studentin übrigens in Schwerin. Claudia beriet sich mit Rama zu kulturellen Hintergründen des Stücks und für die Übersetzung des Programm-Flyers ins Arabische – und Rama begeisterte sich spontan für die Sache selbst. Seitdem führen sie das Puppenspiel zusammen auf. 

 

Vorschau

Bilderstrecke: Puppentheater (Quelle: Range/gfp) – 4 Fotos

"Ja! Ich habe Kopftuch; aber mein Kopf ist immer noch da!"

Ramas Flucht im Sommer 2015 war alles andere als ungefährlich. Und das wirkliche Ankommen in Deutschand findet sie bis heute nicht einfach, bedeutet es für sie doch nicht weniger als "Akzeptanz auf Augenhöhe" anzutreffen. Gleichwertige und gelebte Zugehörigkeit – und zwar unabhängig von ihrer Entscheidung für ein Kopftuch.

  • Ihr Kopftuch trägt Rama in der Öffentlichkeit immer: ob im Alltag, bei der Demonstartion gegen Abschiebungen anlässlich einer Innenministerkonferenz in Kiel oder eben im brasilianischen Tanz-Workshop der Sommerschule.

  • Doch zugeich möchte sie sich weder auf dieses Stück Stoff, noch auf ihr gutes Deutsch, ihre Herkunft und Religion oder auch ihre Erlebnisse als Geflüchtete reduzieren lassen. 

  • Offenherzig spricht sie über Krieg und Dikatur, aber auch die Schönheit und Kultiviertheit ihres Heimatlandes Syrien. Über gute Erfahrungen in Deutschland sowie tagtäglich erlebte Ignoranz und Arroganz. Und: über ihre eigenen Pläne für ein "gutes Leben". 

  • Wer ihr dabei zuhört – und wer zuhören will –  lernt viel dazu; über unsere hiesige Verhältnisse sowie die Klischees auch im eigenen Kopf – oder  vielleicht sogar schon im Herzen?

 

 

Keine Sorge übrigens!

Im Märchen und auf der Bühne ging die spannende Geschichte über die mutige Fatima natürlich gut aus. Wir wünschen Europa, Syrien aber vor allem natürlich Rama, dass dies auch für das richtige Leben gilt. 

  • Diese junge und couragierte Frau hat jedenfalls mehr als eine gerechte Chance verdient, um ihre Träume zu verwirklichen – ob mit und ohne Kopftuch!

Ein Dankeschön dem Figurentheater Fundevogel
Das mobile Puppentheater für Kinder und Familien freut sich über Eure Einladungen/Empfehlungen – in und außerhalb der IG Metall.

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